02 Mein Licht – Spot 6
Gemeinschaft: Ich gehöre dazu
Und wenn wir mit unseren Ecken und Kanten und gelösten Handbremsen zusammenkommen, entsteht Reibung. Andere Sichtweisen. Andere Bedürfnisse. Und richtig schwer wird es da, wo es kracht. Wo jemand einen Fehler macht. Wo ich enttäuscht bin.
Montagmorgen, Büro. Das Projekt ist schiefgelaufen. Ein Fehler in der Kalkulation, der uns einen Kunden gekostet hat. Und ich weiß genau, wer ihn gemacht hat.
Ich gehe zu seinem Schreibtisch. Vor allen anderen. „Wie konnte das passieren? Das war dein Job. So ein Anfängerfehler darf einfach nicht vorkommen.“
Er wird rot. Sagt erst nichts. Dann druckst er was von Zeitdruck. Ich winke ab. „Ausreden. Schau das nächste Mal genauer hin.“ Er nickt. Sagt den ganzen Tag kein Wort mehr.
Und die anderen? Schauen weg, tippen weiter. Bloß nicht auffallen. Bloß nicht der Nächste sein. Ich habe meinen Punkt gemacht. Recht hatte ich ja – der Fehler war seiner. Und trotzdem habe ich gerade verloren.
Denn was macht er beim nächsten Fehler? Er versteckt ihn, so lange es geht. Er kommt nicht mehr zu mir, wenn etwas klemmt. Bald kommt keiner mehr.
Schuld und Scham machen aus Menschen Versteckspieler. Wer kleingemacht wird, zieht den Kopf ein und bringt sich aus der Schusslinie.
Und nach und nach wird die ganze Verbindung krank. Getuschel hinter dem Rücken. Schuld wird herumgereicht wie eine heiße Kartoffel. Jeder deckt sich, keiner traut sich mehr. Keine Kreativität. Keine Innovation. Stillstand.
So wächst nichts. So wird nichts besser. Ich habe den Schlagabtausch gewonnen – und die Zusammenarbeit verloren. Es geht auch anders. Aber dazu muss ich etwas ablegen.
Bis jetzt habe ich mich für so ein Gespräch immer gewappnet. Lege mir die Argumente zurecht, mache mich hart, ziehe die Rüstung an. Wie vor einem Kampf. Aber ich will keinen Kampf gewinnen. Ich will, dass wir gemeinsam besser werden.
Also lege ich die Rüstung ab. Und ich setze mich nicht mehr gegenüber, auf die andere Seite des Tisches. Ich komme rüber. Ich setze mich neben dich.
Das Problem liegt jetzt nicht mehr zwischen uns. Es liegt vor uns. Wir beide schauen es gemeinsam an.
Und bevor ich urteile, frage ich. Was ist da passiert? Wie kam es dazu? Ich höre zu, ehrlich. Vielleicht war Zeitdruck. Vielleicht fehlte eine Info. Vielleicht stimmt was in unserem Ablauf nicht.
Es könnte ja sein, dass ich mich irre.
Und noch etwas hilft mir, ohne Beschämung hinzuschauen. Hinter fast jeder Schwäche steckt eine Stärke. Es ist oft dieselbe Eigenschaft – nur von der anderen Seite betrachtet.
Mein Kollege, der den Fehler gemacht hat, ist der Schnellste im Team. Sein Arbeitspensum stellt alle anderen in den Schatten. Seine Schnelligkeit ist sein Talent. Und manchmal ist sie auch sein Fehler.
Eine andere ist mit ihren Gedanken immer irgendwo anders. Sie hat dafür oft die kreativsten Ideen. Wer ewig braucht, arbeitet meist am gründlichsten. Wer sich die Hände nicht schmutzig macht, kann vielleicht andere begeistern und gut delegieren.
Das ist keine Schönfärberei. Die Schwäche bleibt eine Schwäche. Aber wenn ich die Stärke dahinter sehe, sehe ich einen anderen Menschen vor mir.
Nicht „du Versager“, sondern: Hier liegt deine Kraft – und hier kostet sie uns Geld und Nerven. Lass uns deine Fähigkeiten in ein gutes Verhältnis bringen.
Aber das Wichtigste sind die Sätze selbst. Und meistens sage ich genau die falschen.
Ich traue mich nicht zuzugeben, dass ich etwas nicht kann. Also wurschtle ich drauflos und baue Mist. Dabei wären drei Sätze so einfach gewesen. Ich weiß es nicht. Ich brauche Hilfe. Ich würde es gerne ausprobieren.
Mein Versuch geht schief. Ich vertusche ihn und mache irgendwie weiter, statt zu sagen: Es hat nicht funktioniert, aber ich habe viel gelernt. Wie würdest du das sehen? Kannst du mir zeigen, wie’s geht?
Ein Kollege macht es anders als ich. Statt unsere Wege abzustimmen, arbeite ich stur gegen ihn. Dabei könnte ich sagen: Ich seh das anders. Können wir reden? So geht’s mir damit. Mir ist das wichtig. Lass uns gemeinsam weitermachen.
Und das Schwerste: Ich habe Mist gebaut. Ich vertusche, ich schiebe es jemandem zu – bis es uns allen um die Ohren fliegt. Wie viel kleiner wäre der Schaden mit fünf ehrlichen Sätzen. Ja, ich war’s. Ich übernehme die Verantwortung. Es tut mir leid. Was kann ich besser machen?
All diese Sätze haben eins gemeinsam. Sie lassen mich für einen Moment klein und angreifbar wirken. Und genau deshalb bleiben sie mir im Hals stecken. Dabei ist das Gegenteil wahr. Sie sind keine Schwäche. Sie öffnen die Tür.
Klar braucht das Mut. Ich gehe als Erste in Deckungslosigkeit. Aber genau das verändert alles. Denn wenn ich mich zeige, traut sich der Nächste auch. Auf einmal darf jeder mal nichts wissen, mal Hilfe brauchen, mal danebenliegen.
So entsteht ein Team, das zusammenhält. Keines, in dem jeder seine Fehler versteckt. Eines, in dem wir gemeinsam besser werden.
Diese Türöffner-Sätze schreibe ich mir in mein TDE. Ich lese sie immer wieder. Damit sie mir im Eifer des Gefechts einfallen – und nicht erst hinterher.
Aber warum fällt mir das alles so schwer? Warum sitzt der Vorwurf lockerer als die Bitte um Hilfe? Weil tief darunter das älteste Bedürfnis von allen liegt. Ich will dazugehören.
Für ein Kind ist das überlebenswichtig. Wer aus der Familie fällt, ist verloren. Also lernt das Kind, was es tun muss, um dazuzugehören.
Und meistens lernt es: Wenn du brav bist. Wenn du funktionierst. Wenn du keine Schwäche zeigst. Dann gehörst du dazu. Zugehörigkeit gegen Wohlverhalten.
Das sitzt bis heute in mir. Zeige ich Schwäche, schlägt der alte Alarm an: Gleich gehörst du nicht mehr dazu.
Also passe ich mich an. Ich werde die, von der ich glaube, dass sie gefragt ist. Ich sage Ja, wo ich Nein denke. Ich lache über Witze, die ich nicht lustig finde. Ich verstecke, was nicht ins Bild passt.
Aber anpassen ist nicht dazugehören. Es ist das Gegenteil. Passe ich mich an, gehört nur meine Maske dazu. Nicht ich. Darum bin ich einsam, mitten unter Menschen.
Ich schaue meinen Kollegen noch einmal an. Den roten Kopf. Den gesenkten Blick. Wie er sich klein macht. Und plötzlich kenne ich dieses Gesicht. Es ist meins. Damals. Klein, ertappt, nicht gut genug.
Und mein Tonfall vorhin? Das war nicht ich. Das war meine Mutter. Aus meinem Mund. So wird es weitergereicht. Mutter zu Tochter. Chefin zu Kollegin. Rucksack um Rucksack, eine Generation der nächsten.
Es hört nur an einer einzigen Stelle auf. Wenn eine den Rucksack abnimmt und sagt: Bei mir nicht. Nicht mehr. Und eine schaut mir dabei zu. Genauer als alle anderen. Meine Tochter.
Sie wird mich kopieren. Meine Worte. Meine Taten. Nicht das, was ich predige – das, was ich vorlebe. Also fange ich bei mir an. Ich mache den Unterschied. Bei mir beginnt eine neue Ära.
Ich höre auf, mit dem Finger auf andere zu zeigen.
Ich muss nicht lange auf den Beweis warten. Wohnzimmer, am Abend. Meine Tochter spielt mit ihrer kleinen Schwester. Die stolpert in ihren Turm. Alles fällt um. Versehentlich.
Sie fährt herum. „Kannst du nicht aufpassen?! Stell dich nicht so an!“ Scharf. Von oben herab. Ein Ton wie eine Klinge.
Ich erstarre. Diese Worte kenne ich. Diesen Ton kenne ich. Das ist nicht meine Tochter, die da redet. Das bin ich. Aus ihrem Mund. Hundertmal habe ich ihr gesagt, sie soll lieb zu ihrer Schwester sein. Hundertmal. Gebracht hat es nichts.
Kinder tun nicht, was wir sagen. Sie tun, was wir tun. Sie liest mich wie ein offenes Buch. Und schreibt ab. Also schaue ich genau hin. Sage ich das eine – und tue das andere?
Ich fordere gute Noten. Und erzähle lachend, was für eine miserable Schülerin ich war. Ich verbiete Zigaretten und Alkohol. Und prahle vor Gästen mit meinen wilden Nächten.
Ich sage, man stiehlt nicht. Und gehe nicht zurück, wenn die Kassiererin sich vertan hat. Reden und Leben. Zwei verschiedene Paar Schuhe. Das will ich ändern. Was ich sage, will ich auch leben.
Heißt das, ich muss jetzt die perfekte Mutter sein? Alles richtig machen, nie ausrutschen, immer das gute Beispiel?
Nein. Diesen Druck lege ich ab. Die perfekte Mutter gibt es nicht. Ich bin unvollkommen und mache Fehler, wie jede andere Mutter auch.
Im Gegenteil: Gerade das darf meine Tochter sehen. Dass ich auch mal nicht weiterweiß. Dass ich Fehler mache – und zu ihnen stehe.
Natürlich nicht alles. Manches geht ein Kind nichts an, manches braucht seine Zeit und seine Reife. Aber meine Fehler darf es sehen. So lernt sie, dass man nicht perfekt sein muss, um wertvoll zu sein. Sie lernt es, weil ich es ihr vorlebe.
Ich schreibe mir einen Satz auf einen Zettel. Lege ihn dahin, wo ich ihn jeden Tag sehe.
Ich will die Mutter sein, die ich mir als Kind selbst gewünscht hätte.
Denn ich kann meinem Kind nicht geben, was ich selbst nicht habe. Erst wenn ich mir selbst gut genug bin, kann ich es weiterreichen.
Und falls ich keine Kinder habe? Dann gilt jedes Wort hier trotzdem. Denn es gibt ein Kind, für das ich immer Mutter bin. Mein inneres Kind. Und ich erkenne hier, wie meine Eltern mit mir umgegangen sind – und wie ich heute mit mir selbst umgehe.
Aber ich will ehrlich sein. Es ist mir nicht immer gelungen. Ich bin laut geworden. Ich habe Dinge gesagt und getan, die ich heute bereue. Auch das gehört zur Wahrheit. Ich kann es nicht mehr rückgängig machen. So gern ich es würde.
Jetzt könnte mich die Scham packen. Was bist du für eine Mutter. Und mich am Boden festnageln. Aber Scham macht mich nicht zur besseren Mutter. Sie macht mich nur kleiner. Sie lähmt.
Also nehme ich es an. Nicht schönreden, nicht wegschieben. Hinschauen. Denn nur, was ich ansehe, kann ich ändern.
Ich kann nichts ändern, solange ich es nicht sehe und annehme.
Ich nehme mein TDE und schreibe die Szene von heute Morgen auf. Wir wollen los, meine Tochter trödelt. Ich werde ungeduldig, dränge, fahre sie an. Sie erschrickt, lässt vor Schreck die Tasse fallen. Scherben, Saft, alles voll. Jetzt kommen wir richtig zu spät.
Und jetzt mit Abstand sehe ich es klar. Ich war es, die zu spät dran war. Meine Tochter konnte nichts dafür. Sie ist ein Kind. Im Hier und Jetzt. Sie versteht Zeitmanagement noch nicht. Ich bin die Große. Meine Verantwortung. Nächstes Mal gehen wir früher los. Entspannt.
Eine Grenze ziehe ich. Und ich verspreche sie niemals zu überschreiten. Keine Hand gegen ein Kind. Kein Anschreien, kein Erniedrigen, kein Bloßstellen, kein Liebesentzug.
Denn genau das zerstört, was ich gerade mühsam in mir wieder aufbaue. Den Selbstwert. Ich weiß heute, wie viel Kraft es kostet, ihn Schritt für Schritt zurückzuholen.
Aber Gewalt ist nicht nur die laute. Es gibt auch die leise. Die, die keine Spuren auf der Haut hinterlässt. Nur innen.
Ein Kind spürt jeden Tag, ob es genügt. Und manche lernen früh: Ich bin nicht, wie sie mich wollen. Sie sind immer klüger. Sie reden voller Bewunderung über andere – nie über mich.
Das soll meine Tochter nie denken müssen. Sie ist gut genug. Nicht weil sie brav ist. Nicht weil sie funktioniert. Einfach weil es sie gibt.
Gut genug, auch wenn sie schreit. Wenn sie nicht aufisst, sich anpatzt, frech ist. Wenn sie schlechte Noten heimbringt, etwas kaputt macht, mir widerspricht und ihren eigenen Weg geht.
Das sage ich ihr. Und wichtiger: Das zeige ich ihr. Jeden Tag. Draußen kann ich sie nicht beschützen. Auf dem Schulhof, unter anderen Kindern, geht es manchmal grausam zu. Ausgelacht, ausgeschlossen. Das ist hart.
Zu Hause gilt: Du gehörst dazu. Egal, was draußen passiert. Egal, was du heimbringst. Auch wenn ich das bis jetzt noch nicht so gut gemacht habe. Sie schon einiges abbekommen hat. Ich fange heute damit an. Es ist nie zu spät.
Und das Gleiche gebe ich mir. Auch mein Wert hängt an keiner Bedingung. Nicht am Haus, am Job, am makellosen Äußeren. Ich bin gut genug. Genau wie sie.
Ich höre auf, an meinem Kind herumzuziehen. Es zu er-ziehen. Es passend zu machen. Stattdessen baue ich etwas auf. Eine Verbindung, die trägt. Die nährt und stärkt.
Ich gehe in die Hocke. Auf ihre Augenhöhe. Ich höre zu, ohne gleich zu urteilen. Ich frage, statt zu befehlen. Ich nehme ihre Welt ernst. Den Käfer auf dem Weg. Den Streit im Kindergarten. Das Türmchen, das schon dreimal umgefallen ist.
Für sie ist das nicht klein. Für sie ist das alles. Und während ich ihr das gebe, was ich selbst nie hatte – gebe ich es auch dem Kind in mir. Wir wachsen gemeinsam. Und ich beschütze sie nicht vor allem. So gern ich es täte.
Sie kämpft mit dem Schnürsenkel. Meine Hand zuckt schon hin. Ich ziehe sie zurück. Ich lasse sie machen. Sie flucht, sie müht sich, die Schlaufe rutscht ihr dreimal durch. Und dann – die Schleife sitzt. Ihr Gesicht. Dieser Stolz.
Den hätte ich ihr gestohlen. Mit meiner schnellen Hand. Ich räume ihr nicht jeden Stein weg. Ehrlich gesagt: Nicht sie erträgt die Schwierigkeit nicht. Ich ertrage es nicht, sie ringen zu sehen.
Aber genau im Ringen lernt sie, was sie ein Leben lang trägt: Ich schaff mir ein Ziel. Ich find einen Weg. Wenn der erste nicht klappt, klappt der zweite. Ich kann mich auf mich verlassen.
Ich komme zurück ins Wohnzimmer. Meine Tochter, ihre Schwester, der umgefallene Turm. Diesmal gehe ich nicht über sie drüber. Ich gehe zu ihr. „Das war laut gerade, oder? Komm, wir bauen ihn zusammen wieder auf.“
Ihr Blick. Erst ungläubig. Dann lässt etwas in ihr los. Sie nickt. Und ich weiß: Genau das gebe ich ihr mit. Nicht meine Härte. Sondern wie man wieder aufsteht, wenn was umfällt.
So wächst ein Kind, das keine Angst haben muss. Eines, das seine Gefühle kennt, statt sie wegzudrücken. Und wenn sie mit ihrer Angst umgehen kann, macht sie nichts kaputt. Sie baut auf. Sie findet Wege, die besser sind als Gewalt.
Ein Kind nach dem anderen. Eine Generation nach der anderen. Es fängt bei mir an.
Und dann ist da noch eine Sache, die ich an Kinder weitergebe, ohne es zu wollen. Mein Perfektionismus.
Der ist ansteckend. Ein Kind, das einen Perfektionisten erlebt, lernt früh: Wichtig ist nicht, was ich fühle. Wichtig ist, was die anderen denken.
So wird aus einem Kind eines, das es allen recht machen will. Das sich ständig vergleicht. Das sich dauernd beweisen muss. Nie genug. Das will ich durchbrechen. Bei mir, und damit bei ihr.
Fuck perfection. Ich werde lieber emotional erfolgreich.
Dafür übe ich zwei kleine Dinge. Jeden Tag. Meine Tochter kommt von der Schule. Die Tür geht auf, und meine Effizienz feuert gleich los. „Hände waschen! Schuhe weg! Und gleich ran an die Hausaufgaben.“
Kein Hallo. Kein warmer Blick. Kein „wie war’s?“. Nur Forderungen. Noch bevor sie den Rucksack abgelegt hat. Was sie hört ist: Funktioniere, dann hab ich dich lieb. Will ich das? Nein, das will ich nicht.
Also drehe ich es um. Die Tür geht auf – und das Erste ist ein Lächeln. „Schön, dass du da bist.“ „Was habt ihr heute gemacht?“
Der Rest kommt später. Hände, Schuhe, Hausaufgaben. Alles zu seiner Zeit. Der erste Moment zählt. Und der soll Liebe sein. Keine To-do-Liste. Die zweite Übung ist winzig. Ein einziges Wort. Und es verändert alles.
Ich ersetze „du bist“ durch „du hast“.
Nicht: Du bist faul. Sondern: Diese Aufgabe hast du noch nicht gemacht. Nicht: Du bist schlecht in Mathe. Sondern: Den Dreh hast du noch nicht ganz raus. Nicht: Du bist frech. Sondern: Das war eben frech.
Nicht: Du bist ein Patzer. Sondern: Da ist dir der Löffel verrutscht. Klingt nach Wortklauberei. Ist es nicht. „Du bist“ trifft das ganze Kind. „Du hast“ trifft nur das Verhalten – und das kann es ändern.
Sage ich einem Kind oft genug, es habe zwei linke Hände, dann strengt es sich beim Basteln gar nicht mehr an. Wozu auch? Mit zwei linken Händen wird das ja eh nichts.
Das Etikett wird zur Wahrheit. Also klebe ich meinem Kind keine Etiketten mehr auf. Zwei winzige Dinge. Ein Lächeln an der Tür. Ein Wort, das ich tausche.
Beide sagen: Du bist gut. Du gehörst dazu. Und wenn du stolperst: Aufstehen. Krone wieder aufsetzen. Weitergehen.
Genau das hätte ich als Kind gebraucht. Genau das gebe ich jetzt weiter.
Abschluss
Ich lege ab.
Die Panzer. Die Masken. Das Lächeln, hinter dem ich mich versteckte. Stück für Stück. Es ist schwer, meine Hände zittern. Aber ich lege ab. Und darunter ist kein Loch. Keine Versagerin. Kein kleines Mädchen, das nicht genügt.
Darunter ist Licht. Mein Licht. Die ganze Zeit war es da. Ich trete hervor. Aus der Deckung. In die Arena. Hier bin ich. Schaut mich an. Mit allem, was ich bin. Mit allem, was ich kann. Nicht besser. Nicht schlechter.
Ja, das kann schiefgehen. Ja, sie können lachen. Mit dem Finger auf mich zeigen. Ich mach’s trotzdem. Weil ich es machen will. Denn die auf den billigen Plätzen, die nur zusehen und urteilen – ihre Stimme zählt nicht mehr.
Es zählt, wer in der Arena steht. Und die bin jetzt ich. Und da ist eine, die sieht mich. Meine Tochter.
Sie sieht keine perfekte Mutter. Sie sieht eine, die hinfällt und wieder aufsteht. Die zittert und trotzdem geht. Genau das braucht sie. Kein Held. Ein Mensch.
Sie wird ihr Licht nicht verstecken. Weil ich ihr zeige: Man muss es nicht verstecken. Der Rucksack, den ich getragen habe, schwer und voll – ich gebe ihn nicht weiter. Bei mir ist Schluss.
Sie startet leicht. Das ist mein größtes Geschenk.
Ich habe keine Angst mehr vor meiner Angst. Sie ist noch da. Klar ist sie das. Aber ich gehe nicht mehr um sie herum. Ich gehe mitten durch. Und auf der anderen Seite steht kein Trümmerhaufen. Da steht etwas, das ich gebaut habe.
Ich lerne mit meiner Angst umzugehen. Ich mache nichts kaputt. Ich baue auf. Ein Fundament aus Respekt. Für mich. Für alle.
No fear. Only respect.
Ich lebe aus vollem Herzen. Verbunden mit allem. Und mein inneres Kind? Geht jetzt neben mir. Ich lass es nie mehr allein. Auf mich habe ich gewartet. Ich bin gut genug. Ich mache das richtig gut.
