02 Mein Licht – Spot 5

Selbstfürsorge: Ich heile mein inneres Kind

Ich bin so krank wie meine Geheimnisse. Was ich im Dunkeln verstecke, frisst mich auf. Also knips ich das Licht an. Und wie ein Vampir zerfällt der ganze Mist im Hellen zu Staub.

Mein Ego kreischt: Bloß nicht! Lass den Panzer, wo er ist! Tja. Zu spät, altes Haus. Ich geh weiter. Denn da unten sitzt eine, die bei jedem Angriff zusammenzuckt. Mein inneres Kind. Jahrelang hab ich es allein gelassen.

Damit ist Schluss. Ab jetzt steh ich zu ihm. Schauen wir uns drei Situationen an, in denen es sonst jeder umpustet.

Abend, eine Runde Frauen. Erst geht’s gegen uns selbst. Zu dick, zu faul, nichts im Griff. Wer hat schon wieder gesündigt, wer die Diät geschmissen. Dann gegen die Abwesenden. Hast du die gesehen? Und die erst.

Ich häng zurück. Hab heut einfach keinen Bock, mich kleinzumachen. Und auch nicht, über andere herzuziehen.

Dann geht’s los. „Was’n los mit dir? Bist du jetzt zu fein für uns? Auf einmal was Besseres?“

Jetzt hab ich drei Möglichkeiten. Erstens: mitmachen. Mich kleinreden, mitlästern, damit ich dazugehör. Ergebnis – ich fühl mich danach mies, innen drin. Wollt ich das? Nein.

Zweitens: dasitzen und die Sprüche schlucken. Sollen sie sich an mir abarbeiten. Hauptsache, ich bin dabei. Und sei’s als Spaßbremse vom Dienst. Wollt ich das? Auch nicht.

Drittens. Ich spür, was da grad läuft. Mein Bauch zieht sich zusammen. Achtung – gleich werd ich zur Zielscheibe. Und ich merk: Das ist nicht meine Welt. Hier zählen meine Werte nix.

Also zieh ich die Grenze. Ruhig, ohne Drama. „Viel Spaß euch noch.“ Und geh. Such mir Menschen, die meiner Seele guttun. Oder ich fahr heim, nehm mein inneres Kind in den Arm und bin verdammt stolz, dass ich es heut beschützt hab.

Und das Beste: Ich geh, ohne zu urteilen. Die anderen sind nicht falsch. Ich bin nicht falsch. Wir sind einfach verschieden. Ich muss nicht bewerten. Nicht sie. Nicht mich.

Manchmal kann ich nicht einfach gehen. Meeting, die Chefin hat mich auf dem Kieker. Macht mich vor allen runter. Aufstehen, ihr sagen, sie soll ihren Minderwertigkeitskomplex woanders abladen, und raus? Wär die ehrlichste Variante. Geht aber grad nicht.

Wie halt ich das aus? Erst die ehrliche Frage: Ist was dran an der Kritik?

Wenn ja, dann dank ich ihr innerlich. Sie zeigt mir, wo ich besser werden kann. Unter vier Augen sag ich ihr später: Danke, ich lern dazu.

Aber das Bloßstellen vorhin – das ist mir an die Nieren gegangen. Sag’s mir nächstes Mal, wenn wir alleine sind, nicht vor versammelter Mannschaft.

Und wenn nichts dran ist? Auch meine Kollegen das nicht fair fanden? Dann nehm ich mein inneres Kind in Schutz. Da hilft mir die Weisheit eines alten Stoikers.

Die Chefin tut, was sie für richtig hält. Nicht, was ich für richtig halte. Liegt sie falsch, hat sie den Schaden, nicht ich. Genau wie einer, der sagt „zwei plus zwei ist fünf“ – das macht die Vier nicht falsch. Es macht nur ihn zum Dummkopf.

Ihr falsches Urteil über mich sagt nichts über mich. Es sagt alles über sie.

Dritte Situation. Diesmal bin ich die, die austeilt. Jemand greift mich an, und zack, tipp ich eine Nachricht zurück. Giftig. Drücke ab. Weg ist sie.

Drei Sekunden später: der Magen. Mist. Das hätte nie raus gedurft. Denn meine Worte sind durch keine der drei Pforten gegangen. Ist es wahr? Ist es nötig? Ist es freundlich? Dreimal nein.

Was war da los? Mein Alarmsystem hat übernommen. Kampf oder Flucht. Der klar denkende Teil in mir – einfach weg. Da war nur noch das verletzte Kind, das zurückschlägt.

Jetzt brauch ich einen Anker. Einen Satz, den ich mir laut vorsage, bis ich wieder denken kann. „Ich überleb das. Ich bin kein schlechter Mensch. Es gibt eine Lösung.“

Dann red ich mit meinem inneren Kind wie mit meiner besten Freundin. „He, der hat dich echt auf die Palme gebracht. Dein Geduldsfaden ist gerissen. Passiert. Ich steh zu dir.“

Und wenn der Rauch weg ist, kommt das TDE. Was war der Auslöser? Was hat er in mir getroffen? Welche alte Wunde? Ich schreib’s auf. Ich sehe es vor mir. Und was ich sehe, kann ich ändern. Beim nächsten Mal ist mein Verstand schneller als mein Finger am Abzug.

Drei Situationen, ein Muster. Ich steh zu meinem inneren Kind.

Bleibt die Frage: Was will ich eigentlich? Ein Leben in Watte, wo mir bloß nichts passiert – und in dem auch nichts passiert? Oder das Risiko, auf die Schnauze zu fallen, dafür ein Leben voller echter Momente?

Ich weiß, was ich will. Und langsam werd ich zu einem von diesen Menschen, die ich immer bewundert hab. Du kennst sie. Die echten. Es ist ihnen scheißegal, was andere über sie denken. Genau deshalb mögen sie alle.

Sie sind nicht perfekt. Waren es nie, wollen es nicht. Genau deshalb sind sie verdammt gut in dem, was sie tun. Sie sehen das Glas halb voll. Sie jammern nicht. Erschöpfung ist für sie kein Orden. Für Spielen und Faulenzen ist immer Zeit.

Sie vergleichen sich mit keinem. Höchstens mit sich selbst. Sie machen sich keine Sorgen – Sorgen ändern eh nichts. Und sie lachen, singen, tanzen. Weil das tausendmal cooler ist, als die ganze Zeit cool sein zu wollen.

Da will ich hin. Und der Weg dahin führt über mein inneres Kind. Ich nehm es an die Hand. Und wir gehen los.