02 Mein Licht – Spot 2

Die Angst, sich zu blamieren: Ich bin nicht mein Fehler

Ich sitze im Auto. Vor meiner eigenen Haustür. Der Motor ist aus. Heute ist alles über mir zusammengebrochen. Alles auf einmal.

Schon die Nacht: kaum geschlafen. Morgens die Nerven blank. Der Kaffee bei der Besprechung – braune Spritzer auf meinem Kleid. Im Büro die Kollegin angefahren, wegen nichts. Dann der Verweis von der Chefin. Auf dem Heimweg geblitzt.

Und dann, im Supermarkt, die Milch. Rutscht mir aus der Hand. Zerplatzt am Boden. Eine weiße Pfütze, mitten im Gang. Und ich? Ich stehe davor – und fange an zu heulen. Vor allen Leuten. Krieg mich nicht mehr ein. Wegen einer Packung Milch.

Erst als ich in unsere Straße einbiege, fällt es mir ein. Das Kostüm für die Aufführung meiner Tochter morgen. Vergessen. Jetzt ist der Laden geschlossen.

Drinnen brennt Licht. Da sind mein Mann und meine Tochter. Sie kennen nur die, die alles im Griff hat. Ich starre auf die Haustür.

Wie soll ich da reingehen? Wie kann ich ihnen in die Augen schauen? Mein Kopf wird heiß, etwas zieht sich in meiner Brust zusammen.

Ich bin eine Heulsuse. Eine Versagerin. Ich lasse alle im Stich. Was ist nur falsch mit mir.

Was da in mir hochsteigt, hat einen Namen. Scham. Und Scham ist hinterhältig. Sie sagt nicht: Du hattest einen schlechten Tag. Sie sagt: Du bist eine Versagerin. Nicht die Tat. Nicht die Lage. Ich. Ganz und gar.

Der Kopf glüht, der Magen ist ein Stein. Ich will verschwinden, mich auflösen, einfach weg sein. Bloß von keinem gesehen werden.

Und im Kopf läuft die Schleife. Du taugst nichts. Du hast es nie draufgehabt. Schau dich an. Wieder und wieder.

Warum trifft mich das so tief? Es war doch nur ein blöder Tag. Weil mein Kopf keinen Unterschied macht zwischen heute und damals. Für mein inneres Kind ist das hier kein blöder Tag. Es ist Lebensgefahr.

Als Kind war ich auf meine Familie angewiesen. Dazugehören hieß überleben. Wer ausgestoßen wurde, war verloren. Diese Angst sitzt seit zehntausend Jahren in uns.

Und genau die schlägt jetzt Alarm. Mein Nervensystem schaltet in den Überlebensmodus. Gleich stoßen sie dich aus. Gleich bist du allein. Es schreit, als ginge es ums nackte Leben.

Darum ist Scham kein leiser Zweifel. Sie ist Panik. Aber da ist ein Unterschied, den mir nie jemand gezeigt hat. Der zwischen Scham und Schuld. Scham sagt: Ich bin schlecht. Schuld sagt: Das habe ich schlecht gemacht.

Klingt nach einer Kleinigkeit. Ist aber alles. Schuld zeigt auf eine Tat – und eine Tat kann ich ändern, wiedergutmachen, beim nächsten Mal anders machen. Scham zeigt auf mich. Und vor mir selbst kann ich nicht weglaufen.

Schuld bringt mich in Bewegung. Scham legt mich lahm.

Also übersetze ich. Sobald ich „Ich bin“ denke, mache ich ein „Ich habe“ daraus. Ich bin keine Versagerin – ich hatte einen schlechten Tag. Das ist keine Wortklauberei. Das ist ein ganz anderer Ort.

Denn „Ich bin eine Versagerin“ ist ein Urteil über mein ganzes Leben. „Ich hatte einen schlechten Tag“ ist nur ein Zustand. Und einen Zustand kann ich anpacken.

Und dieser harte Satz – stimmt der überhaupt? Oder ist es nur ein alter Satz, den ich vor langer Zeit zu glauben beschlossen habe? Eine alte Entscheidung, kein Urteil von oben. Und was ich einmal entschieden habe, kann ich neu entscheiden.

Mein Kopf hat jahrelang nur Beweise gesammelt, dass ich eine Versagerin bin. Jetzt sammle ich die Gegenbeweise. Also nehme ich mein TDE. Links schreibe ich mein Urteil: Ich bin eine Versagerin. Rechts daneben die Gegenbeweise.

Letztes Jahr, als meine Mutter im Krankenhaus lag. Alle haben den Kopf verloren. Ich habe organisiert, getröstet, alles zusammengehalten. Wochenlang. Und keiner hat gefragt, wie es eigentlich mir geht.

Meine Tochter. Wenn sie nachts Angst hat, kommt sie zu mir. Zu niemandem sonst. Weil sie weiß: Bei mir ist sie sicher. Mich hat als Kind nie jemand getröstet.

Das soll eine Versagerin sein? Die Beweise waren immer da. Ich wollte sie nur nicht sehen. Je länger die rechte Spalte wird, desto leiser wird der Satz links. Bis er sich auflöst.

Aber das Stärkste kommt erst. Denn Scham lebt vom Verstecken. Im Dunkeln wird sie groß. Sag ich sie laut, wird sie klein. Also steige ich aus dem Auto. Ich gehe rein. Mein Herz hämmert, als ginge ich in den Kampf.

Mein Mann schaut auf. „Was ist los?“ Und ich sage es. Stockend, mit brüchiger Stimme: „Ich hatte einen schrecklichen Tag. Ich bin im Supermarkt einfach zusammengebrochen. Habe das Kostüm vergessen.“

Da ist er, der Moment, vor dem ich solche Angst hatte. Gleich sieht er, dass ich nicht die Starke bin. Gleich wendet er sich ab.

Er wendet sich nicht ab. Er kommt zu mir. Er fragt. Was ist passiert? Er hört zu.

Und er bleibt. Wir reden lange. Irgendwann sagt er: „Das ist doch kein Weltuntergang. Das Kostüm hol ich morgen früh und bring’s ihr in die Schule.“ Dafür liebe ich ihn. Das ist echte Partnerschaft. Und ich darf auch mal die sein, die gehalten wird.

Kein Zauberspruch löscht den Tag. Müde bin ich trotzdem. Aber ich bin nicht mehr allein damit. Und die Scham, die mich im Auto nicht atmen ließ, ist kleiner geworden. Einfach weil ich sie ausgesprochen habe.

Etwas fällt mir auf. Mein Mann hat das Wort kein einziges Mal benutzt. Versagerin. Er hat es nicht mal gedacht. Nur ich sage es. Wieder und wieder. Mit keinem rede ich so hart wie mit mir selbst.

Einer Freundin, die einen solchen Tag hatte, würde ich nie sagen: Du Versagerin. Ich würde sagen: Das ist bitter, morgen sieht alles anders aus, ich bin da.

Warum gönne ich mir nicht, was ich jeder anderen gebe? Ab heute rede ich mit mir, wie er mit mir redet. Wie mit einer, die man liebt.

Es kommt darauf an, wie fest der Boden unter mir ist. Mein Selbstwert. Ist er fest, prallt die Scham ab. Ist er dünn, bricht sie durch.

Mein Boden war früh dünn. Als Kind hörte ich: Du bist nicht gut genug. So nicht. Streng dich an. Mein Wert war nie einfach da. Ich musste ihn mir verdienen.

Also verdiente ich ihn. Mit Funktionieren. Mit Starksein. Mit Für-alle-da-sein. Mit Nie-zur-Last-fallen. Ich stand auf dem, was ich leiste. Auf dem, was die anderen sehen.

Aber das ist kein fester Boden. Das ist eine dünne Decke über einem Loch. Reißt mich ein schlechter Tag aus der Rolle, falle ich ins Bodenlose. Baue ich meinen Selbstwert auf Funktionieren, stürze ich bei jedem Zusammenbruch.

Dabei verdient man Wert gar nicht. Ein neugeborenes Kind hat nichts geleistet – und ist unendlich wertvoll. Wert ist keine Belohnung. Er ist einfach da. Ich bin wertvoll. Nicht für etwas. Einfach so. Auch heute. Auch nach so einem Tag.

Die Scham wird wiederkommen. Beim nächsten Fehler, der nächsten Niederlage, dem nächsten schiefen Blick. Sie gehört zum Leben.

Aber sie wirft mich nicht mehr um. Ich weiß jetzt, was sie ist. Kein Urteil über mich – nur ein alter Alarm, der schrillt.

Und ich weiß, was hilft. Ich mache aus „Ich bin“ ein „Ich habe“. Ich sammle die Gegenbeweise im TDE. Ich spreche es aus. Ich bin gut zu mir.

Solange ich Angst hatte, mich zu blamieren, konnte ich mich nie zeigen. Ich blieb hinter dem Panzer. Wer Angst vor dem Urteil der anderen hat, bleibt unsichtbar.

Diese Angst wird kleiner. Und mit ihr fällt der Panzer. Zum ersten Mal kann ich mich zeigen. Mit Fehlern. Mit Tränen. Mit allem.

Lange habe ich für den Applaus gelebt. Für das Nicken der anderen. Dafür, gut dazustehen. Genau das hat mich klein gehalten.

Ich steige trotzdem in die Arena. Nicht für den Applaus. Sondern weil es meins ist. Weil ich es will. Weil ich den Mut dazu habe. Vor ein paar Stunden saß ich noch im Auto. Erstarrt. Unfähig, durch meine eigene Tür zu gehen.

Jetzt bin ich drin. Bei meiner Familie. Der Tag war hart, die Müdigkeit ist da. Aber die Scham hat mich nicht mehr. Ich bin gut genug. Nicht weil es mir einer bestätigt. Sondern weil ich es bin.