02 Mein Licht – Spot 1
Selbstschutz: Ich breche meinen Panzer auf
Ich bin unten angekommen. Die Taschenlampe in der Hand. Hier lagert, was ich nie anschauen wollte. Und an der Wand steht was geschrieben. Ich leuchte sie an.
Das kann ich nicht.
Das darf ich nicht.
Das bin ich nicht.
Das verdiene ich nicht.
Da gehöre ich nicht dazu.
Woher kommen die? Was habe ich als Kind gelernt, das mir heute den Mut nimmt? Ich bin groß geworden in einer Welt, die zählt. Die meine Fehler zählt. In der Familie. In der Schule. Im Job. Immer geht es darum, was ich falsch mache.
Schon als kleines Kind. Zu laut. Zu wild. Zu wenig geschlafen. Nicht aufgegessen. Was kaputt gemacht. Meinen Kopf durchgesetzt. Und jedes Mal die Quittung.
Die Quittung hatte viele Gesichter. Schläge. Schimpfen. Liebesentzug. Bloßstellen vor anderen. Tagelanges Schweigen. Eingesperrt. Allein gelassen. Die Lektion saß: Ich bin nicht in Ordnung, so wie ich bin.
Liebe ist der Lohn für angepasstes Verhalten.
Dann die Schule. Hier wird mein Versagen amtlich. Test um Test, schwarz auf weiß: Hier sind deine Fehler. Und dazwischen die Sätze der Lehrer.
Das kapierst du nie.
Du bist nicht klug genug.
Du kannst nicht stillsitzen.
Aus dir wird nichts.
Und im Erwachsenenleben? Geht es munter weiter. Nicht hübsch genug. Zu dick. Zu dünn. Falten. Keine Karriere – oder keine Kinder. Schlechte Mutter. Zu viel, zu laut, zu anstrengend. Falsche Kleider, zu wenig auf dem Konto.
Das hält doch kein Mensch aus. Wie soll ich das alles bloß überleben? Ich baue mir einen Schutz. So wie beim Sport: Helm, Protektoren, der Gurt im Auto. Nur meint dieser Schutz nicht den Körper. Er will die Seele schützen.
Panzer. Schutzschild. Maske.
Dahinter verschwinde ich. Da kommt keiner ran. Mein inneres Kind weiß noch genau, wie sich ein Angriff anfühlt – die Schläge, das Gebrüll, der Spott. Nie wieder, sagt es. Nie wieder.
Bin ich also traumatisiert? Klingt groß. Klingt nach Krieg und Katastrophe. Betrifft uns aber alle. Wir alle schleppen Verletzungen aus der Kindheit mit.
Ein Trauma entsteht, wenn ein Kind Gewalt erlebt – mit den Fäusten, mit Worten oder mit Schweigen – und damit allein bleibt. Wenn niemand da ist, der es hält, tröstet, beschützt.
Das ist zu viel für ein Kind. Es setzt sich fest. Und meldet sich Jahre später zurück – als Angst, als Schwermut, als Schwierigkeit, Nähe zuzulassen. Manchmal als Schmerz im Körper, den kein Arzt erklären kann.
Bis ich eines Tages hier runtersteige und die Taschenlampe anknipse.
Du bist unmusikalisch.
Du bist unsportlich.
Du hast zwei linke Hände.
Du bist eben schüchtern.
Früher brauchte ich noch jemanden, der mir das sagt. Heute schaffe ich es ganz allein, mich kleinzumachen. Mein eigener Kopf erledigt das. Sofort zur Stelle, erklärt er mir haargenau, wo mein Platz ist.
Eine alte Freundin kommt auf mich zu. Strahlt, die Arme weit offen. Wir umarmen uns, herzlich, wie man das so macht. Ich sage „schön, dich zu sehen“, lächle, frage, wie’s den Kindern geht.
Und innen will da was raus. Eine Wärme, ein „Mensch, hab ich dich vermisst, wie geht’s dir wirklich?“. Es kommt nur bis zur Brust. Dann macht die Wand zu.
Die Umarmung kriege ich hin. Die Nähe dahinter nicht.
Ich spüre es jedes Mal. Beim Lob, das ich wegnuschle. Bei dem Film, der mir die Tränen hochtreibt – und ich schlucke sie schnell weg, bevor’s wer merkt.
Lange dachte ich, ich sei eben so. Eher kühl. Nicht so die Gefühlige. Stimmt nicht. Ich habe es mir antrainiert. Der Panzer.
Als Kind war er ein guter Deal. Vor Angriff geschützt. Tag überlebt. Ich habe nichts mehr gespürt – und genau das wollte ich. Den Haken habe ich erst Jahre später gemerkt.
Es gibt keinen Panzer, der nur das Schlechte abhält.
Dieselbe Wand, die den Schlag abfängt, fängt auch die Umarmung ab. Dieselbe Taubheit, die die Angst dämpft, dämpft auch die Freude. Ich kann mir nicht aussuchen, was durchkommt. Mache ich mich dicht, mache ich mich ganz dicht.
Und je dicker der Panzer, desto einsamer werde ich. Denn er hält ja nicht nur die Schläge ab. Er hält auch die Menschen ab.
Das, was ich am sorgsamsten verstecke, frisst mich von innen. Die Scham, die ich keinem zeige. Die Angst, über die ich nicht rede. Der Fehler, den keiner wissen darf. Im Dunkeln werden sie größer.
Niemand will dastehen und ausgelacht werden. Ich auch nicht. Also habe ich mir Tricks zugelegt, damit mich keiner erwischt.
Ich mache mich unsichtbar. Sage nichts, will nichts, falle nicht auf. Wer nicht auffällt, wird nicht getroffen. Oder ich mache alles perfekt. Kein Fehler, keine Lücke, kein Angriffspunkt. Bloß keine Blöße.
Oder ich teile zuerst aus. Rede über andere, mache sie klein, ziehe sie durch den Dreck. Wer ständig schießt, muss nie einstecken. So zumindest der Plan.
Drei verschiedene Panzer. Ein Ergebnis. Hinter meinen Mauern bin ich sicher – und keiner kommt rein. Keiner sieht, wer ich bin. Keiner berührt mich. Keiner verbindet sich mit mir.
Und mein Leben? Plätschert dahin. Aufstehen, funktionieren, schlafen. Zwischendurch ein bisschen Spaß. Nett. Lauwarm. Vergessen am nächsten Tag.
Ich kenne das Spiel von der anderen Seite. Vom sicheren Platz aus. Ich sitze auf der Tribüne und schaue zu, wie andere unten kämpfen. Ich jubele den Siegerinnen zu. Ich lache über die, die stürzen. Ich schwenke meine Fahne und gehe abends heim, ohne einen Kratzer.
Und denke heimlich: Da runter? Niemals. Viel zu gefährlich. Da kann man verlieren. Sich blamieren. Bluten.
Aber meine Arena ist nicht das Stadion. Meine Arena ist das Meeting, in dem ich die Idee zurückhalte. Das Gespräch, in dem ich nicht sage, was ich denke. Der Mensch, dem ich nicht zeige, was er mir bedeutet. Die Sache, die ich schon ewig anpacken will – und nie tue.
Da spielt sich mein Leben ab. Und ich sitze auf der Tribüne. Ich schaue seit Jahren zu, wie mein eigenes Leben an mir vorbeizieht.
„Mal schauen.“ „Vielleicht nächstes Mal.“ „Ich halt mich da raus.“ „Soll erst mal ein anderer.“ „Am Samstag kann ich leider nicht.“ So fangen keine Geschichten an. So enden sie, bevor sie beginnen.
Will ich das wirklich? Oder traue ich mich, Stufe für Stufe in die Arena zu steigen? Ich will auch Geschichten sammeln. Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden.
„Weißt du noch, wie ich einfach hingegangen bin und ihn gefragt habe?“ „Komm, wir machen das. Jetzt.“ „Ich hatte eine Heidenangst – und hab’s trotzdem gesagt.“ So fangen die Geschichten an, die ich später erzähle. Die gibt es nur, wenn ich mitspiele. Ich lege meine Panzer ab.
Panzer A: Ich rechne mit dem Schlimmsten
Panzer B: Ich darf keinen Fehler machen
Panzer C: Ich betäube mich
Panzer D: Wer bremst, verliert
Panzer E: Ich falle mit der Tür ins Haus
Panzer F: Ich mach mich aus dem Staub
Panzer G: Seht her, wie ich leide
Panzer H: Ich bin der Coolste
Panzer A — Ich rechne mit dem Schlimmsten
Meine Tochter schläft. Ich stehe in der Tür und schaue sie an. Dieser kleine Mensch, dieser ruhige Atem. Mir wird ganz warm. Und im selben Moment kippt es. Was, wenn sie krank wird? Was, wenn ihr was zustößt? Was, wenn ich sie verliere?
Das Bild ist sofort da. Gestochen scharf. Mein schönster Moment, und ich vergifte ihn mit einem Horrorfilm.
Ich kenne das in jeder Größe. Die Beförderung – sicher ein Haken dabei. Es läuft gerade rund – dann kommt bestimmt gleich der Schlag. Geht mir der Stoff aus, liefern die Nachrichten nach. Krieg, Krankheit, Unglück.
Warum mache ich das? Weil es sich anfühlt wie Schutz. Wenn ich klein bleibe, im Mangel, in der Sorge, kann mich das Schicksal nicht so hart treffen. Wer unten bleibt, kann nicht fallen.
Und noch was flüstert da: Wer bin ich denn, dass ich mich einfach freuen darf? Wo es anderen so schlecht geht? Wo doch so viele Kinder leiden?
Und? Wie oft hatte ich mit meinen Schreckensbildern eigentlich recht? Von hundert ausgemalten Katastrophen – wie viele sind eingetreten?
Die Angst fühlt sich trotzdem echt an. Und das ist auch in Ordnung. Sie darf da sein. Ich will nur verstehen, woher sie kommt. Dafür unterscheide ich zwei Dinge, die leicht verwechselt werden: Furcht und Angst.
Furcht kommt von außen. Ich stehe am Abgrund und fürchte den Sturz – also trete ich zurück. Die Wellen sind zu hoch, ich gehe nicht rein. Dem Hund mit dem Schaum vorm Maul weiche ich aus. Das ist klug. Das hält mich am Leben.
Angst kommt von innen. Die mache ich mir selbst. Kein Abgrund, keine Welle, kein Hund. Nur Gedanken.
Meine Tochter ist zehn Minuten zu spät – und ich sehe schon den Unfall. Die Chefin will mich sprechen – ich bin innerlich schon gefeuert. Mein Herz stolpert einmal – es wird ein Infarkt sein.
Nichts davon ist passiert. Aber gefürchtet habe ich mich, als wäre es schon da. Diese Angst hat einen Absender. Meine Sicherheitschefin.
Ihr Job: mich beschützen. Sie sitzt in meinem Kopf am Radar und rechnet durch, was schiefgehen könnte. Tag und Nacht. Sie meint es gut.
Sie schickt mir die Schreckensbilder am Bett meiner Tochter. Sie denkt: Wer die Gefahr früh sieht, wendet sie ab. Nur – da ist keine Gefahr. Nur ein schlafendes gesundes Kind.
Der entscheidende Satz:
Ich bin nicht die Stimme in meinem Kopf. Ich bin die, die sie hört.
Ich bin die Kapitänin. Sie meldet. Ich entscheide. Also bekämpfe ich sie nicht. Ich höre zu. Sage: Danke, verstanden. Und schaue selbst nach. Schlafendes Kind. Ruhiger Atem. Alles gut.
Also schick ich meine Sicherheitschefin in die Pause. Wie mache ich das? Mit Dankbarkeit. Angst und Dankbarkeit passen nicht in denselben Moment. Versuch’s. Geht nicht.
Ich schaue ins Kinderbett und bin unendlich dankbar für meine wunderbare Tochter. Die Katastrophe verblasst. Sie kann nicht bleiben, wo Dankbarkeit ist.
Ja, ich habe Angst, wenn ich die Freude reinlasse. Wer hoch steigt, kann tief fallen. Aber jeder Tritt zeigt mir: Es lohnt sich. Ich lasse die Freude durch. Ganz. Ich schaue meine schlafende Tochter an – und lasse sie einfach schön sein.
Wer mit seiner Angst umgehen kann, baut etwas auf. Tritt für Tritt. Meine Sicherheitschefin will mich vor Schmerz bewahren. Mein Herz weiß es besser. Es klettert.
Steht neben mir ein Mensch, den das Schicksal hart getroffen hat, leide ich nicht mit ihm mit. Ich bin für ihn da – das ist etwas anderes. Hat jemand ein Kind verloren, kann ich in Angst um mein eigenes verfallen. Oder ich freue mich an meinem gesunden Kind.
Die Welt braucht nicht mein Mitleiden. Sie braucht das, was nur ich beitragen kann.
Wann immer ich ehre, was ich habe, ehre ich auch das, was ein anderer verloren hat.
Panzer B — Ich darf keinen Fehler machen
Geburtstag meiner Tochter. Sie wird fünf. Ich bin in der Küche. Die Servietten gefaltet, die Cupcakes in Reih und Glied, jeder mit gleich vielen Streuseln. Ich rücke die letzte Kerze zurecht.
Nebenan lacht sie. Kreischt vor Freude. Reißt Geschenkpapier in Fetzen. Und ich stehe in der Küche.
Ich richte alles perfekt her. Für ein Kind, dem die Servietten völlig egal sind. Das nur eines will: mich. Den schönsten Moment verpasse ich. Weil ich an der Deko feile.
So läuft das immer. Ich kontrolliere, glätte, mache nochmal. Nicht, weil es besser wird. Weil ich Angst habe, dass es nicht gut genug ist.
Und hat mir das je einer gedankt? Hat meine Tochter je gesagt: „Schön, dass du dich kaputt machst, damit immer alles perfekt ist“? Dabei verwechsle ich zwei Dinge. Gute Arbeit. Und Perfektsein.
Gute Arbeit schaut nach innen. Ist mir die Sache wichtig? Mache ich sie ordentlich? Das ist gesund. Perfektsein schaut nach außen. Was denken die anderen? Finden sie einen Fehler? Das ist Angst.
Perfektionismus ist keine Stärke. Er ist ein Schild.
Ich halte ihn hoch, damit keiner einen Makel an mir findet. Damit ich dazugehören darf. Aber hinter dem Schild sieht mich auch keiner mehr. Ich mache mich makellos – und unsichtbar.
Die Forschung ist da eindeutig. Perfektionismus macht nicht besser. Er macht krank. Depression. Angst. Sucht.
Und er würgt genau das ab, was in mir steckt. Wer ständig Angst vor Fehlern hat, wird nicht kreativ. Folgt nicht seinem Bauch. Wagt nichts Eigenes.
Und das Schlimmste: Perfekt gibt es nicht. Ich jage etwas, das ich nie erreiche. Jeder Fehler wird zum Beweis. Siehst du – nicht gut genug.
Also lege ich den Schild ab. Langsam. Immer wenn mein Kopf sagt: „Was denken die Leute?“, drehe ich den Satz um: „Ich mache das richtig gut.“
Und ich rede mit mir wie mit jemandem, den ich liebe.
Eine Freundin vermasselt eine Präsentation. Sage ich ihr dann: Du Versagerin, du kriegst auch gar nichts hin? Nein. Ich sage: Kann passieren. Nächstes Mal läuft’s besser. Das mache ich jetzt auch bei mir.
Werde ich kritisiert, mache ich mich nicht mehr nieder. Ich setze mich in Ruhe ans TDE und schaue hin. Wie lautet die Kritik? Ist was dran – habe ich wirklich etwas vermasselt?
Von wem kommt sie? Von jemandem, der es ehrlich meint? Oder von jemandem, der sich auf meine Kosten wichtig machen will? Muss ich etwas wieder gut machen? Dann tue ich das. Ist nichts dran, lasse ich es los.
Ein Fehler macht mich nicht zu einem schlechten Menschen. Er macht mich zu einem Menschen.
Ich lerne auch, wo Sorgfalt zählt – und wo „quick & dirty“ völlig reicht. Der kurze Spaziergang, den ich wirklich mache, ist besser als der 3-Kilometer-Lauf, den ich ewig aufschiebe. Die Pizza-Party schlägt das Gala-Essen, das nie stattfindet.
Und ich frage mich: Für wen mache ich das gerade perfekt? Für mich – weil es mir Spaß macht, weil es mich glücklich macht? Oder warte ich auf Lob und Anerkennung von jemand anderem?
Vielleicht fange ich sogar etwas an, das nichts bringen muss. Malen. Töpfern. Etwas, das schief sein darf. Denn was schief sein darf, ist lebendig. Der Schild bekommt Risse. Und durch die Risse kommt mein Licht.
Beim nächsten Geburtstag falte ich keine Servietten. Ich sitze auf dem Boden. Mitten im Papierchaos. Und bin dabei. Und die Cupcakes schmecken trotzdem grandios.
Panzer C — Ich betäube mich
Schwerer Tag. Tür zu, Schuhe aus – und meine Hand greift wie von selbst zur Weinflasche. Noch bevor ich denke. Noch bevor ich spüre, was los ist. So läuft das jeden Abend. Erst das eine Glas. Dann das zweite. Und der Tag ist weit weg.
Es muss kein Glas sein. Es gibt viele Mittel. Zigaretten. Zucker. Serien. Das Handy. Und das unauffälligste von allen: Arbeit. Immer beschäftigt. Denn solange ich keine Zeit habe, holt mich die Wahrheit über mein Leben nicht ein.
Das ist eine Falle. Und sie schnappt zu:
Ich betäube den Schmerz, nicht gut genug zu sein. Doch wer sich betäubt, hat etwas zu verbergen – also schäme ich mich. Und diese Scham betäube ich auch. Noch ein Glas. Noch eine Stunde Arbeit. Noch eine Folge.
Die Spirale dreht sich. Immer enger. Immer tiefer. Allein.
Ich will da raus – mit mehr Disziplin, besseren Listen, mehr Apps. Und wenn ich nicht mehr kann, haue ich über die Stränge, weil Spaß ja auch sein muss. Ich suche nach Tipps, wie ich so weiterleben kann. Dabei wäre die Frage: Wie höre ich auf, so zu leben?
Wir sind die reichsten Menschen aller Zeiten. Und zugleich die am höchsten verschuldeten, dicksten, süchtigsten, am stärksten mit Tabletten vollgepumpten. Vielleicht liegen wir ja irgendwo falsch.
Und hier kommt der Haken, den ich von Panzer A kenne: Ich kann mir nicht aussuchen, was ich betäube. Ersäufe ich meine dunklen Seiten, ersäufe ich mein Licht gleich mit.
Ein Wort vorweg. Ehrlich, ohne Beschönigung.
Wenn die Sucht mich fest im Griff hat – wenn ich ohne Alkohol, ohne Tabletten, ohne Handy nicht mehr durch den Tag komme –, dann ist das eine Krankheit. Keine Willensschwäche. Kein Versagen. Und sie lässt sich nicht wegatmen.
Dann ist der mutigste und stärkste Schritt, mir Hilfe zu holen. Arzt, Beratungsstelle, Therapie, Gruppe. Das ist keine Schwäche. Das ist Stärke und Selbstfürsorge. Ich bin es mir wert.
Was jetzt kommt, ersetzt das nicht. Es ist kein Heilmittel. Es ist eine Übung für den alltäglichen Griff zur Betäubung.
Sie beginnt in dem Moment, in dem meine Hand zum Handy greift. Neue Nachrichten checken. Dieser Griff ist kein Zufall. Er ist ein Signal: Irgendetwas in mir will gerade nicht gefühlt werden.
Manchmal erwische ich den Moment. Oft auch nicht – erst hinterher merke ich, dass ich mich wieder zugedröhnt habe. Auch das ist in Ordnung. Es geht nicht darum, jedes Mal stark zu sein, sondern es überhaupt zu versuchen.
Wenn ich ihn erwische, halte ich inne. Die Hand am Handy. Ausgeschaltet. Und ich frage: Was würde ich spüren, wenn ich jetzt nicht einschalte? Vielleicht Leere. Vielleicht Angst. Vielleicht diese alte Stimme: nicht gut genug.
Ich gebe dem Gefühl einen Namen. „Das ist Einsamkeit.“ „Das ist Überforderung.“ Und dann lasse ich es da sein. Nur ein Stück weit. Ich atme. Und vielleicht merke ich: Dieses eine Mal bringt es mich nicht um.
Das ist kein großer Sieg. Es ist ein einziges Mal. Aber es zeigt mir: Ich kann das Gefühl auch aushalten. Ein bisschen länger als gestern. Und wenn es nicht gelingt, verurteile ich mich nicht. Morgen versuche ich es wieder.
Dann, irgendwann, die Frage dahinter: Was brauche ich eigentlich wirklich? Nicht das Handy. Schlaf. Gesehen werden. Endlich weinen. Schreien. Eine Grenze setzen. Weicher werden. Loslassen.
Das Handy war nie die Antwort. Es füllt das Loch nie ganz, deshalb brauche ich immer mehr davon. Was zählt, ist die Suche nach dem, was das Loch wirklich füllt. Und manchmal suche ich sie nicht allein, sondern mit jemandem, der sich auskennt.
Das Zauberwort heißt: „Ich lasse es gut sein.“ Das meint zweierlei. Aufhören – mit dem Glas, der Arbeit, dem Scrollen. Und: Es ist gut genug. Ich bin gut genug.
Denn beides hängt zusammen. Je mehr ich trinke, arbeite, mich zudröhne, desto weniger bin ich mir wert. Und je weniger ich mir wert bin, desto mehr betäube ich. Ich drehe den Spieß um: Erst wenn ich glaube, dass ich gut genug bin, kann ich es auch mal gut sein lassen.
Nur – kaum will ich eine Grenze setzen, meldet sich mein Kopf:
„Was sollen die Leute denken?
Stell dich nicht so an.
Eine gute Frau hält das aus.
Und gibt noch ein bisschen mehr.
Na, ist die Prinzessin müde?“
Mein Kopf wittert Gefahr. Grenzen machen mich verwundbar, also will er mich schützen. Aber er irrt sich. Genau das Mitmachen, das Übergehen meiner Grenzen, hält mich draußen. Hinter dem Panzer bin ich sicher. Aber keiner kommt rein.
Wir Menschen sind nun mal gemacht für Verbindung.
Also löse ich den Panzer. Ich lasse mein Licht raus. Ich zeige mich. So gut bin ich – nicht besser, nicht schlechter. Ich habe etwas beizutragen, und dafür bin ich dankbar. Ich mag mich. Ich lasse mich berühren. Und ich berühre andere.
Mich verwundbar zeigen heißt: nackt auf die Bühne treten und auf Applaus hoffen – nicht auf Gelächter.
Panzer D — Wer bremst, verliert
Zehntausend Jahre. Nacht. Wir am Feuer, die anderen im Dunkeln. Wer zu uns gehört, ist Schutz. Wer fremd ist, ist Gefahr.
Wer dazugehört, überlebt. Wer aus der Gruppe fällt, ist verloren. Allein übersteht niemand den Winter – schon gar nicht mit einem Kind auf dem Arm. Also bloß nicht schwächeln. Bloß keine Last sein.
Schwäche war kein Makel. Schwäche war der Tod.
Das sitzt tief. Tiefer als ich denke. Meine Mutter wollte keine Heulsuse zur Tochter. Also machte sie mich hart. Auf ihre Art von Liebe. Den Rucksack hatte sie von ihrer Mutter. Und die von ihrer.
In manchen Welten zählt das bis heute. Im Job, wo ich mich behaupten muss. Vor Gericht. Überall, wo ich als Frau doppelt so hart sein muss, um halb so ernst genommen zu werden. Da rettet Härte meine Haut. Da gehört sie hin.
Sie ist ein Werkzeug. Ein schwerer Schraubenschlüssel. Ich nehme sie, wenn die Arbeit sie braucht – und lege sie weg, wenn sie vorbei ist. Nur: Ich habe vergessen, sie wegzulegen. So wird das Werkzeug zur Fessel.
Familienkaffee. Eine Tante sagt, halb im Spaß: „Na, sehen die Kinder dich auch mal, bei dem Job?“ Alle lächeln. Mein Hals wird eng, der Kopf heiß. Die Faust schließt sich um den Schraubenschlüssel.
Ich schieße zurück, treffsicher, unter die Gürtellinie. Keine lächelt mehr. Ich habe gewonnen. Und den Nachmittag verdorben. Zu Hause rede ich mit meinem Mann wie mit einem Gegner. Mit meiner Tochter wie mit einer Befehlsempfängerin.
Wer jeden Kampf gewinnt, steht am Ende alleine da.
Mit der Zeit lerne ich die Signale zu erkennen. Der heiße Kopf. Der enge Hals. Die Scham, ertappt zu sein. Der Reflex, sofort zurückzuschießen.
Das ist uralt. Das feuert seit zehntausend Jahren. Aber hier ist kein Feind im Dunkeln. Hier sitzt eine Tante, die einen Spruch macht. Also halte ich inne. Eine Sekunde. Ein Atemzug. Und ich frage mich: Was wäre hier ein Erfolg?
Die andere kleinmachen, damit ich meinen eigenen Minderwert nicht spüre? Meine Scham hinter einem scharfen Spruch verstecken? Oder mich zeigen. Mich angreifbar machen. Verbunden bleiben.
Erfolg ist nicht der gewonnene Schlagabtausch. Erfolg ist, wenn ich die Scham überwinde und sage, was wirklich ist. „Manchmal zerreißt mich das. Job, Kinder, alles. Ich tu mein Bestes.“
Ich danke dem alten Programm. Und lege den Schraubenschlüssel hin. Denn was ist wahre Stärke? Die wirklich Starken müssen nichts beweisen. Genau das macht sie groß. Echte Stärke braucht keine laute Stimme.
Mein Mann. Wir streiten ums Geld. Der Schraubenschlüssel ist schon in meiner Faust. Ich könnte gewinnen. Stattdessen höre ich hin. Hinter den Vorwürfen ist keine Wut. Da ist Angst.
„Du hast Angst, dass wir’s nicht schaffen. Die hab ich auch.“ Plötzlich stehen wir nebeneinander. Gegen dieselbe Angst.
Meine Tochter. Das Glas kippt. Zum dritten Mal. Wasser über den ganzen Tisch.
Früher: „Kannst du nicht aufpassen?“ Heute: „Alarm! Überschwemmung! Wo ist die Feuerwehr?“ Sie schnappt das eine Tuch, ich das andere. Wir lachen. Der Tisch ist gerettet.
Sie lernt, dass sie kein Tollpatsch ist. Wenn was schiefgeht, sind wir ein Team.
Meine Freundinnen. „Erzähl noch mal die im Flieger!“ Die mit dem Wasserbecher auf der Hose – und alle dachten, du hättest dir in die Hose gemacht.
Früher wär ich rot geworden. Heute erzähle ich die Geschichte selbst. Am lautesten lache ich über mich selbst. Die Runde biegt sich. Nicht über mich – mit mir. Wer über sich selbst lachen kann, über die hat keiner Macht.
Und treffe ich eine, die noch ganz im Kampf steckt – die einschüchtert, droht, alles gewinnen muss? Ich steige nicht in den Ring. Ich werde nicht wütend, nicht laut, so wie sie es kennt.
Ich bleibe auf Augenhöhe. Ich zeige Verständnis – und sage trotzdem klar, wie ich es sehe. Ich lasse mich nicht einschüchtern. Und ich bleibe verbunden.
Das ist die Frau, die ich sein will. Nicht die, die jeden Kampf gewinnt. Sondern die, die keinen mehr führen muss.
Panzer E — Ich falle mit der Tür ins Haus
Neue Kollegin. Erster Prosecco nach der Arbeit. Wir sind keine zwanzig Minuten da. Und ich kippe alles aus. Die Ehekrise. Die Therapie. Meine Mutter, die nie zufrieden war. Wie einsam ich mich oft fühle.
Ich rede und rede. Sie nickt, rückt das Glas ein Stück weiter weg. Lacht zu laut an den falschen Stellen. Schaut auf die Uhr. Beim nächsten Mal hat sie „leider keine Zeit“.
Was ist passiert? Ich wollte Nähe. Sofort. Ganz. Ich halte das langsame Herantasten nicht aus, dieses vorsichtige Beschnuppern. Ich will die Abkürzung. Gleich mittendrin in der tiefen Verbindung.
Und ich denke, das geht so: Wenn ich alles von mir zeige, sieht sie sofort, wie wichtig sie mir ist. Dann weiß ich gleich, ob die Verbindung was taugt. Ich verwechsle Auskippen mit Ehrlichkeit. Und ich glaube, wenn ich mein Innerstes gebe, muss sie ihres auch geben.
Aber so funktioniert das nicht. Ich kann Nähe nicht erzwingen.
Die andere ist überfordert. Geblendet von meinem grellen Licht. Sie kennt mich seit zwanzig Minuten – und steht plötzlich mitten in meinem Wohnzimmer, ohne dass sie die Tür aufgemacht hätte.
Also weicht sie zurück. Und was mache ich? Ich drehe auf. Lege noch nach, erzähle noch mehr, noch intimer – denn jetzt muss ich sie doch endlich erreichen.
Ich verstärke genau das, was das Problem ist. Und ernte den Beweis, den ich am meisten fürchte: Ich gehöre nicht dazu. Die anderen wollen mich nicht.
Dabei ist Nähe wie eine zarte Pflanze. Sie wächst. In ihrem Tempo. Ich kann nicht an ihr ziehen, damit es schneller geht. Ich ziehe sie nur aus der Erde.
Also taste ich mich vor. Behutsam. Ich zeige ein kleines Stück von mir – und schaue, was zurückkommt. Macht sie einen Schritt auf mich zu? Oder zieht sie sich zurück?
Ich achte auf ihr Tempo, nicht nur auf meins. Überforderung erzeugt keine Nähe. Sie erzeugt Distanz. Dafür habe ich einen einfachen Trick. Bevor ich etwas von mir erzähle, schicke ich es durch drei Pforten:
Ist es wahr? Oder übertreibe ich, färbe ich, mache ich mich größer oder kleiner, als ich bin? Ist es notwendig? Bringt es uns gerade weiter – oder will ich nur reden, um zu reden?
Ist es freundlich? Tut es uns beiden gut – oder überfordere ich sie damit?
Und eine Regel halte ich beim ersten Mal ein: keine offenen Wunden. Nichts, was noch blutet, was ich selbst noch nicht einordnen kann. Das Tiefe hat seine Zeit. Aber nicht beim ersten Glas.
Bei der nächsten Kollegin mache ich es anders. Ich erzähle eine Stufe. Nicht den ganzen Keller. Ich frage auch mal. Ich höre zu. Ich lasse ihr Raum. Und ich habe Geduld. Mit ihr. Mit der Pflanze. Mit mir.
Wie Vertrauen Stufe für Stufe wächst, habe ich übrigens schon gelernt: in Kapitel 01 „Mein Weg“, Schritt 4.
Panzer F — Ich mach mich aus dem Staub
Eine Freundin hat mich verletzt. Ein Satz, vor zwei Wochen, der saß. Ich habe nichts gesagt. Natürlich nicht. Ich bin gegangen, habe gelächelt, „alles gut“.
Seitdem gehe ich ihr aus dem Weg. Ihre Nachricht? Lese ich später. Ihr Anruf? Geht auf die Mailbox. Treffen am Wochenende? Ich hab leider zu tun. So mache ich das. Ich flüchte.
Nicht nur vor ihr. Vor allem, was unangenehm wird. Ich schiebe auf. Ich weiche aus. Ich rede mir die Sache klein, gebe der anderen die Schuld, erfinde Ausreden. Manchmal sage ich auch einfach nicht die Wahrheit.
Am liebsten warte ich. Vielleicht erledigt es sich ja von selbst. Tut es nicht. Im Gegenteil. Was ich aufschiebe, wird schwerer. Jeden Tag ein bisschen.
Aus dem einen verletzenden Satz wird ein Berg. Erst war es ein Missverständnis, das ein Gespräch geklärt hätte. Nach zwei Wochen ist es eine Eiszeit. Nach einem Monat eine zerbrochene Freundschaft.
Dabei ist nichts dazugekommen. Nur Zeit. Und die hat das Gewicht verdoppelt, immer wieder.
Es nagt an mir. Ich schlafe schlecht. Ich denke an sie, wenn ich nicht an sie denken will. Ungelöst frisst es mehr Kraft, als das Gespräch je gekostet hätte. Also stelle ich mir die Zauberfrage: Was ist das Schlimmste, das passieren kann?
Ich male es mir aus. Ich rufe sie an, spreche es an – und dann? Es wird unangenehm. Vielleicht streiten wir. Vielleicht bleibt sie stur. Werde ich das überleben? Ja.
Und gibt es einen Weg, der ohne dieses Gespräch zum Ziel führt? Nein. Den gibt es nicht.
Also atme ich einmal tief durch. Ich muss nicht das perfekte Gespräch führen. Ich muss nur anfangen. Eine Nachricht: „Du, der Satz neulich hat mich getroffen. Können wir reden?“
Mehr nicht. Der erste kleine Schritt. Aber der Berg ist weg. In dem Moment, in dem ich mich stelle, fällt das Gewicht ab, das ich wochenlang geschleppt habe. Und ich merke: Das Tragen war schwerer als das Sich-Stellen.
So läuft es nicht immer nur in eine Richtung. Manchmal bin nicht ich die Verletzte. Manchmal bin ich die, die verletzt hat – und sich dann verkriecht, weil das Gespräch ihr Angst macht.
Auch dann gilt dasselbe. Ich stelle mich. Ich spreche es an. Vielleicht habe ich jemanden enttäuscht – und bekomme die Chance, es geradezurücken.
Vielleicht aber auch nicht. Manche Verbindung wird nur von einer Seite getragen. Ich strenge mich an, gehe auf sie zu, mache meinen Teil – und von drüben kommt nichts zurück. Auch das darf ich erkennen. Und dann darf ich loslassen.
Ich kann nicht jeden lieben. Und nicht jede kann mich lieben. Das ist keine Niederlage. Das ist die Wahrheit. Was zählt, ist: Ich bin nicht mehr weggelaufen.
Panzer G — Seht her, wie ich leide
Ich komme abends heim. Müde, leer. Alle beschäftigt. Kein „Hallo“, kein Blick. Dann stolpere ich über die Schultasche mitten im Flur.
Und es bricht aus mir raus. Ich fahre herum und brülle meine Tochter an: „Wie oft denn noch?! Räum die verdammte Schultasche weg!“ Und kicke sie mit dem Fuß weg.
Sie erstarrt. Die Augen weit. Sie macht sich klein, weicht zurück – als käme gleich ein Schlag. Und für eine Sekunde sehe ich mich selbst. Denselben Schreck, den ich als Kind erlebte.
Was war das denn? Eine Schultasche. Und ich raste aus, als hätte sie das Haus angezündet. Wenn meine Reaktion so viel größer ist als der Anlass, dann geht es nie um den Anlass. Das war nicht die erwachsene Frau. Das war mein inneres Kind.
Und was rauskam, war Wut. Aber Wut ist nur die Spitze. Der Eisberg, der aus dem Wasser ragt. Das Dicke liegt darunter, wo keiner hinschaut. Nicht mal ich.
Also tauche ich. Unter die Wut. Da sehe ich mich als kleines Mädchen, das gesehen werden möchte. Dazugehören. Wichtig sein.
Das tut so weh, dass ich es nicht spüren will. Also dreht mein inneres Kind den Schmerz nach außen. Aus Angst wird Wut. Aus „ich bin allein“ wird „räum die verdammte Schultasche weg“.
Wut fühlt sich stark an. Angst fühlt sich klein an. Und klein wollte ich nie wieder sein. Wut ist nur eine Strategie. Dieser Schutzpanzer hat viele Gesichter. Trauer. Tränen. Gleichgültigkeit. Überfürsorge. Humor. Arroganz. Kontrolle.
Ob ich mich leidend zurückziehe oder dich anbrülle – es läuft aufs Gleiche hinaus. Ich kontrolliere die Situation. Und mache mich unangreifbar.
Denn jetzt bin ich das Opfer. Und das Opfer hat immer recht. Schau, wie ich leide – da kann ich ja nichts falsch gemacht haben. Keine Kritik kommt an mich ran. Und meine eigenen Anteile muss ich mir auch nicht anschauen.
Wer leidet, will recht haben.
Meine Wut überdeckt die Trauer – und ich behalte die Kontrolle. Mein Jammern überdeckt die Angst, nicht liebenswert zu sein – und ich kriege Aufmerksamkeit. Mein großes Leid überdeckt die Scham – und ich erzwinge Nähe und Mitleid.
Damit verdecke ich, was niemand sehen darf. Weil es als Kind zu gefährlich war. Zu schmerzhaft. Nicht erlaubt. Ich war traurig. Suchte Trost. „Jetzt hab dich nicht so.“ Ich wurde verletzt. Wütend. Suchte Schutz. „Sei nicht so zickig.“
Ich hatte Angst. Traute mich nicht. „Jetzt zier dich nicht so.“ Ich schämte mich. Es war mir peinlich. „Stell dich nicht so an.“ Ich war einsam. Hilflos. „Ich komme später.“ Niemand kam.
Jedes Mal dieselbe Lektion. Mein wahres Gefühl ist falsch. Also unterdrücke ich es. Ich drücke es unter die Wasserlinie. Dort wächst es.
Bis jemand dagegen fährt und die Schutzreaktion auslöst. Wut. Gegen die Falsche. Wegen einer Schultasche.
Und keiner sieht, was darunter liegt. Sie sehen die wütende Frau – und reagieren auf sie. Meinen Schmerz sieht niemand. Nicht mal ich. So kann nicht heilen, was heilen will.
Immer wenn ich ausraste – wenn die Reaktion größer ist als der Anlass – ist das mein Zeichen. Ich nehme mir kurz Zeit. Ich schnappe mein TDE und tauche unter den Eisberg. Was liegt da unten? Was will ich nicht fühlen?
Ich atme. Ich werde ruhig. Es geht nicht um die Schultasche. Ja, die nervt. Aber deswegen zucke ich nicht so aus. Was wollte mein inneres Kind in dem Moment? Was wollte ich wirklich? Was hat mich so enttäuscht?
Und dann höre ich mein inneres Kind. Ich möchte gesehen werden. Ich möchte, dass sich jemand freut, wenn ich da bin. Ich möchte geliebt werden. Jetzt nehme ich meine Kleine in den Arm. Ich sehe dich. Ich bin für dich da. Ich liebe dich.
Und gemeinsam schauen wir hin. Mein Mann. Meine Tochter. Beschäftigt. Abgelenkt. Aber ich weiß es jetzt: Sie lieben uns. Mich und mein inneres Kind. Wir müssen uns diese Liebe nicht erkämpfen. Sie ist längst da. Wir dürfen sie einfach fließen lassen.
Ich gehe zu meiner Tochter. „Entschuldige. Ich wollte dich nicht anschreien.“ Ich nehme sie in den Arm. Ich gehe zu meinem Mann. „Schön, dich zu sehen.“ Er nimmt meine Hand. Und das Eis schmilzt.
Nicht die Schultasche war das Problem. Sondern ein kleines Mädchen in mir, das nach Hause kam und gesehen werden wollte. Heute habe ich sie gesehen. Endlich.
Panzer H — Ich bin der Coolste
Grillabend. Ein guter Freund druckst rum, dann rückt er damit raus: Er will kündigen. Sein eigenes Ding machen. Ein Modelabel, nachhaltig, fair produziert. Seine Augen leuchten.
Ich lehne mich zurück und grinse. „Im Ernst? Du hast doch keine Ahnung von Mode. Es gibt eh schon viel zu viel Fetzenläden. Bleib lieber bei deinem sicheren Job auf dem Bau. Eine Nähmaschine ist keine Mischmaschine.“
Ein paar lachen. Er lacht nicht. Sein Leuchten geht aus. Ich hab den Spruch des Abends gelandet. Ich fühle mich groß. Überlegen. Schlagfertig.
Warum eigentlich ausgerechnet er? Er hat mir nichts getan. Er war einfach nur begeistert. Warum muss ich dieses Leuchten sofort ausknipsen?
Ich greife an. Ich mache klein, stelle bloß, ziehe runter. Ich bin die Coole, die über allem steht. Die Sprücheklopferin, die Lauteste.
Und meistens merke ich gar nicht, was ich da tue. Es geht ja schnell, der Spruch sitzt, alle lachen. Weiter. Aber da steckt mehr dahinter. Mit so einem Spruch drücke ich etwas weg.
Und das will ich jetzt genauer wissen. Denn das Kleinmachen ist nicht einfach fies. Es ist ein Schutzpanzer. Wovor schütze ich mich?
Mein Kumpel hat etwas, das ich nicht habe. Nicht das Modelabel. Den Mut. Den Mut, etwas zu wollen. Laut, vor allen. Den Mut, sich lächerlich zu machen, zu scheitern, ausgelacht zu werden – und es trotzdem zu wagen.
Genau das traue ich mich nicht. Er hält mir einen Spiegel vor, ohne es zu wissen. In seinem Leuchten sehe ich, was ich alles nicht lebe. Die Träume, die ich begraben habe. Das Wagnis, das ich mir nie erlaubt habe.
Das tut weh. Dieser Spiegel tut verdammt weh. Und ich habe zwei Möglichkeiten. Ich kann hochschauen zu ihm – und mich winzig fühlen. Oder ich kann ihn runterziehen, auf mein Niveau.
Ich wähle das Schnelle. Ein Spruch, und der Spiegel ist zerschlagen. Er ist jetzt so klein wie ich. Und ich muss die Lücke nicht mehr spüren. Denn da unten ist eine Lücke. Ein Selbstwert, der nicht trägt.
Tief drin glaube ich: Ich bin nicht genug. Ich hab’s nicht drauf. Aus mir ist nichts geworden. Das ertrage ich nicht. Also brauche ich jemanden, der unter mir steht. Sein Fall hebt mich. Für einen Moment bin ich oben.
Aber nur für einen Moment. Der Spruch verpufft, das Lachen verklingt – und der Schmerz meines kleinen Lebens bleibt. Und ich habe viele Masken, um diese Lücke zu verstecken.
Ich protze mit meinem Job, meinem Titel, meiner Handtasche. Ich lasse beiläufig fallen, wen ich kenne und was ich mir leisten kann. Ich weiß alles besser. Ich rede mit, wo ich keine Ahnung habe.
Und das Wichtigste: Ich brauche niemanden. Bloß keine Schwäche zeigen. Bloß nicht angewiesen sein. Allein komme ich klar.
Alles nur Lack. Eine glänzende Schicht über der Stelle, an der ich mich klein fühle. Je dünner der Selbstwert, desto dicker der Lack.
Ich stelle mir eine Aufgabe. Wenn ich das nächste Mal mit dem Finger auf jemanden zeige und ihn auslache, her mit meinem TDE. Überlegen: Worüber habe ich da gelacht?
Ich schlage es auf. Und da steht ein Satz, den ich vor einer Weile reingeschrieben habe. Ich halte es für möglich, dass ich mich irre. Vielleicht muss ich gar nicht immer die Coole sein.
Vielleicht steht die, die über allem steht, in Wahrheit nur oben auf der Tribüne. Auf den billigen Plätzen. Jeder kann was, das ich nicht kann. Wer schon alles weiß, lernt nichts mehr. Wer nichts mehr lernt, wächst nicht.
Ich schaue auf das, worüber ich gelacht habe. Und auf einmal ist es klar. Ich mache nicht irgendwen nieder. Ich mache den nieder, der hat, was mir fehlt. Der Mut meines Kumpels. Den hätte ich auch gern.
Mein Spott ist keine Stärke. Er ist ein Wegweiser. Er zeigt nicht auf den anderen. Er zeigt auf mich. Auf das, was ich mich nicht traue. Also drehe ich es um. Nicht mehr runterziehen. Hinschauen. Lernen.
Vor über hundert Jahren hat das mal einer auf den Punkt gebracht.
„Es ist nicht der Kritiker, der zählt, nicht derjenige, der aufzeigt, wie der Starke gestolpert ist oder wo der, der Taten gesetzt hat, es hätte besser machen können. Die Anerkennung gehört dem, der wirklich in der Arena ist;
dessen Gesicht verschmiert ist von Staub und Schweiß und Blut; der sich tapfer bemüht; der irrt und wieder und wieder scheitert; der die große Begeisterung kennt, die große Hingabe, und sich an einer würdigen Sache verausgabt;
der, im besten Fall, am Ende den Triumph der großen Leistung erfährt; und der, im schlechtesten Fall des Scheiterns, zumindest dabei scheitert, dass er etwas Großes gewagt hat.“
Mein Kumpel steht in der Arena. Ich sitze auf den billigen Plätzen, und werfe mit Sprüchen. Es wird Zeit, dass ich runterkomme. Runter zu ihm. Mitten rein.
Beim nächsten Mal mache ich sein Leuchten nicht aus. Ich sage: „Erzähl mir mehr.“ Und vielleicht erzähle ich ihm von meinem eigenen Traum, den ich so lange weggespottet habe. Das fühlt sich unsicher an. Angreifbar. Nackt.
Aber genau das ist die einzige echte Währung. Das was ich teile, wenn ich aufhöre, cool zu sein.
Acht Panzer. Und unter jedem liegt dasselbe. Angst. Die Angst, nicht zu genügen. Ausgeschlossen zu werden. Nicht dazuzugehören. Mein inneres Kind hat sie früh gelernt. Und es trägt sie bis heute.
Jemand drückt den Knopf – ein Vorwurf, ein Blick, ein Spruch – und ich verstecke mich hinter meinem Panzer. Von selbst. Bevor ich denke.
Ich schieße zurück. Oder ich raste aus. Ich mauere, mache mich unsichtbar, feile alles perfekt, betäube mich. Ich hau drauf, bevor der andere zuerst trifft. Ich wähle meinen Lieblingspanzer.
Und ja – der Panzer hält die Schläge ab. Aber er hält auch die Menschen ab. Ich bin sicher. Und allein.
Das ist der Preis. Ich lebe nicht aus vollem Herzen. Ich halte zurück, was ich beizutragen hätte. Ich traue mich nicht in die Arena. Ich sage nie: Hier bin ich. Ich bin gut genug.
Und die, die ich am meisten liebe, bekommen nicht mich. Sie bekommen die harte Schale meines Panzers. Aber ich habe verstanden: Das bin ich nicht. Das habe ich gelernt. Ich musste es lernen – damals, als ich klein war und keine Wahl hatte.
Ich kann das nicht mehr ändern. Keine anderen Eltern werden kommen. Keine Entschuldigung wird nachgereicht. Und kein Mann wird mich heilen – das ist nicht seine Aufgabe.
Also lasse ich los. Ich vergebe. Ich höre auf, im Kopf zu streiten und mich zu rechtfertigen. Ich lasse sie ziehen, wie Wolken am Himmel. Und dann? Lege ich den Panzer einfach ab und zeige mich?
So einfach ist es nicht. Niemand legt dreißig Jahre Panzer an einem Abend ab. Es geht Stufe für Stufe. Wie eine Leiter. Unten die leichteste Sprosse. Oben die, vor der ich am meisten Angst habe.
In mir sitzt ein alter Satz. Wenn ich Schwäche zeige, werde ich abgelehnt. Den glaube ich, seit ich klein bin. Aber ich habe ihn nie überprüft. Ich bin ihm immer nur ausgewichen.
Also fange ich unten an. Ich zeige meiner besten Freundin eine kleine Schwäche. Nur eine. Und ich schaue, was passiert. Die Katastrophe bleibt aus. Sie wendet sich nicht ab. Sie kommt näher.
Der alte Satz stimmt nicht. Zum ersten Mal habe ich den Beweis. Beim nächsten Mal fällt es leichter. Bis sich diese Sprosse normal anfühlt. Dann steige ich eine höher.
So schrumpft die Angst. Nicht weil ich sie bekämpfe. Sondern weil ich jedes Mal erlebe: Der alte Satz ist falsch.
Und ich gehe da nicht durch, um mutig zu sein. Ich gehe durch für etwas, das mir alles bedeutet. Für echte Nähe. Für meine Familie. Für ein Leben aus vollem Herzen.
Solange ich ausweiche, bleibt die Angst riesig. Erst wenn ich hingehe – für das, was mir wichtig ist – wird sie klein.
Mein Leben lang bin ich vor der Angst geflüchtet. Und habe dabei viel kaputtgemacht. Und vieles versäumt. Was ich mich nicht traue, erlebe ich nicht. Heute laufe ich nicht mehr weg. Ich gehe hindurch.
Wer mit seiner Angst umgehen kann, baut etwas auf. Ein Fundament aus Respekt. Für sich. Für alle.
No fear. Only respect.
Auf mich habe ich gewartet. Ich bin gut genug. Und ich mache das richtig gut.
Mein Licht:
Spot 1 Ich breche meinen Panzer auf
Spot 2 Ich bin nicht meine Fehler
Spot 3 Ich bin genug
Spot 4 Ich lasse dich an mich ran
Spot 5 Ich heile mein inneres Kind
Spot 6 Ich gehöre dazu
