02 Mein Licht – Spot 4

Partnerschaft: Ich lasse dich an mich ran

Nichts macht mich so glücklich wie die Liebe. Und nichts verletzt so tief. Dieselbe Frau, die mich zum Strahlen bringt, zerlegt mich mit einem einzigen Satz. Und ich sie. Oft wissen wir nicht mal, warum.

Da treffen nämlich nicht zwei Erwachsene aufeinander. Da treffen zwei Kindheiten aufeinander.

Meine erste Liebe habe ich als Kind gelernt. Mit meinen Eltern oder Bezugspersonen. Wie Nähe geht. Wie Streit geht. Was Liebe kostet. Das ist meine Blaupause – und die schleppe ich mit an den Küchentisch, ins Schlafzimmer, in jeden Streit.

Das ganze nächste Kapitel „03 Meine Liebe“ handelt davon. Hier nur ein Vorgeschmack.

Was muss ich als Mann sein, um der perfekte Partner zu sein? Die Medien brüllen es mir täglich ins Ohr. Und die Grundbotschaft ist immer dieselbe. Sei stark.

Also: Verdien Geld, komm nach oben, setz dich durch. Sei sportlich, witzig, erfolgreich. Hab alles im Griff. Zeig keine Schwäche.

Und gleichzeitig: Zeig deine Gefühle. Sei einfühlsam, weich, verletzlich. Sei immer für die Familie da. Lies ihr jeden Wunsch von den Lippen ab.

Stark sein und schwach sein dürfen. Karriere machen und immer für die Familie Zeit haben. Ein Fels sein und ein Gefühlsmensch. Ein Hengst im Bett und ein zärtlicher Versteher.

Merkst du was? Das geht nicht. Das schließt sich gegenseitig aus. Egal, was ich tue – ich falle immer durch. An einem Maßstab, den kein Mensch erfüllen kann. Und sie? Sie hat ihren eigenen Katalog. Genauso wahnsinnig.

Sei schön, schlank, makellos. Von Natur aus, versteht sich. Sei die perfekte Mutter, Tochter, Gastgeberin, Kollegin. Halt den Laden zusammen. Mühelos.

Und obendrauf: Sei selbstbewusst, aber bescheiden. Sei sexy, aber nicht zu sexy. Sei warm zu allen, aber mach keinem schöne Augen. Hab abends noch Lust – nach Kindern, Haushalt und einem vollen Arbeitstag.

Zu emotional? Hysterisch. Zu kühl? Berechnend. Sie kann es nicht richtig machen. Genau wie ich. Das ändert alles. Sie ist nicht meine Gegnerin. Sie sitzt in derselben Falle. Wir zerren beide an einem Strick, der uns beide würgt.

Genau hier wird Liebe gefährlich. Wenn ich an diesem Maßstab scheitere, kommt die Scham. Ich bin kein guter Mann. Kein guter Partner. Nicht genug.

Und Scham macht, was sie immer macht. Ich gehe in Deckung. Mache dicht, ziehe mich zurück, gehe zum Angriff über. Lauter alte Panzer. Und jeder davon verletzt sie.

Sie macht es genauso. Zwei Verletzte, die sich gegenseitig verletzen. So zerbricht Liebe. Nicht mit einem Knall. Mit tausend kleinen Stichen.

Aber ich bin nicht mehr wehrlos. Ich hol mir meine Sätze aus Kapitel 01 zurück. Ich bin richtig. Ich vergleiche mich mit niemandem. Ich bleibe bei mir.

Und ich nehme mein TDE. Gestern Abend wollte ich nur eins: dass sie mich in den Arm nimmt. Gesagt hab ich’s nicht. Ich hab gemault, sie sei nie für mich da – und bin ins Wohnzimmer abgezogen.

Ich schreib es auf. Und auf einmal seh ich’s. Ich hatte Angst, sie lacht oder dreht sich weg. Also hab ich lieber angegriffen, bevor sie mich zurückweist. Wie damals als Kind, wenn ich mir Nähe gewünscht habe und keiner kam.

Nächstes Mal sag ich den einen ehrlichen Satz. Nimm mich in den Arm. Und ich muss das nicht allein durchkämpfen. Da ist ja noch jemand. Sie. Und ihr geht es genau wie mir.

Die Scham hasst nichts mehr, als ausgesprochen zu werden. Sag ich sie laut, schrumpft sie. Verschweige ich sie, wächst sie im Dunkeln.

Also fang ich klein an. Ein ehrlicher Satz. „Halt mich.“ Dann der nächste. „Bitte hör mir nur zu.“ Ich teste, ob ich mich fallen lassen kann. Dem richtigen Menschen kann ich nichts Falsches sagen.

Reicht sie mir die Hand, schaut mit mir in die dunklen Ecken – dann heilen wir gemeinsam. Dann wächst da was, das uns beide trägt.

Aber vielleicht reicht sie sie nicht. Vielleicht ist da nur Kälte, Verachtung, kein Funke Bereitschaft. Dann muss ich das Schwerste tun. Gehen. Denn manche Verbindung macht uns beide kaputt.

Nimmt sie aber meine Hand, wächst etwas. Intimität. Im Herzen und im Bett. Beides braucht denselben Mut: mich zu zeigen.

Wir breiten den ganzen verrückten Katalog vor uns aus. Und sagen uns: Das schaff ich nicht. Das will ich gar nicht. Du auch nicht? Zum Glück. Das erleichtert.

Auf einmal reden wir über das, was sonst keiner anfasst. Über Geld. Übers Älterwerden. Über Krankheit, Erschöpfung, Angst. Über Sex.

Ja, das ist schwer. Ich steh da, völlig nackt, nicht nur körperlich. Sie kann mich treffen. Aber sie fühlt genau dasselbe. Und genau das verbindet.

Und Erotik? Ist ein tiefes Bedürfnis, kein Tabu. Ich sag, was ich mag und was nicht. Ohne Scham. Zeig mir, was du magst.

Und jedes Mal, wenn einer von uns sich traut, feiern wir das. Kein Vorwurf mehr. Kein Erraten. Nur zwei Menschen, die sich was trauen – und einander dafür sehen. Und am Ende steht die größte Frage von allen. Was ist Liebe eigentlich?

In Worte kriege ich sie nicht. Wie Freiheit. Wie ein Abenteuer. Man kann sie nicht erklären. Nur erleben.

Liebe ist nichts, was ich gebe oder kriege wie ein Päckchen. Sie ist etwas, das ich nähre. Eine Pflanze zwischen uns. Sie wächst nur, wenn sie in jedem von uns einzeln schon lebt.

Und sie wird nur so stark, wie jeder von uns bereit ist, aus vollem Herzen zu leben. Ohne Angst. Ohne Maske. Mit allem, was ich bin – meinem zartesten und meinem kraftvollsten Selbst.

Schweigen, Schuld, gebrochenes Vertrauen, Geheimnisse – das vergiftet die Wurzeln. Liebe überlebt das nur, wenn es selten bleibt. Wenn wir es zugeben. Und wenn wir es heilen dürfen.

Das ist die Liebe, für die ich bereit werde. Hier fängt sie an. Bei mir.