01 Mein Weg – Schritt 1

Auf mich habe ich gewartet

Ich sitze auf der Rückbank. Das Auto steht. Motor aus. Handbremse drin. Ich warte. Auf meine Partnerin. Meinen Vater. Meine Mutter. Meinen Therapeuten. Meinen Chef. Irgendjemanden, der sich ans Steuer setzt und losfährt.

Niemand kommt. Ich warte weiter. Schon lange. Vielleicht Jahre. Vielleicht das ganze Leben. Und ich rede mir ein, es sei vernünftig zu warten.

„Wenn ich erst in Pension bin, erfülle ich mir meinen Traum.“
„Wenn meine Partnerin an sich arbeitet, wird unsere Beziehung gut.“
„Wenn meine Familie mich ein einziges Mal wirklich verstehen würde, müssten wir nicht dauernd streiten.“

„Wenn ich erst diese verdammten Kilos los bin, fühle ich mich wohl in meiner Haut.“
„Wenn ich nicht immer so erschöpft wäre, würde ich mehr aus mir machen.“
„Wenn ich gesund bin, fange ich an zu leben.“
„Wenn ich mehr Zeit hätte. Mehr Geld. Weniger Stress. Bessere Umstände.“

Wenn. Wenn. Wenn.
Diese Sätze kenne ich. Fast alle. Manche schon so lange, dass sie sich wie Wahrheiten anfühlen. Sie sind keine Wahrheiten. Sie halten mich auf der Rückbank gefangen.

Jetzt schaue ich mich um. Zum ersten Mal nehme ich mich und meine Umgebung wirklich bewusst wahr. Was mache ich hier? Wo bin ich? Kein Fahrer in Sicht. Nirgends. Der Fahrersitz. Leer. Und dann begreife ich etwas, das so einfach ist, dass es wehtut:

Niemand kann dieses Auto fahren. Außer mir.

Nicht weil die anderen nicht wollen. Nicht weil sie mich nicht lieben. Sondern weil sie dieses Auto nicht kennen. Niemand kann jemandes anderen Auto fahren.

Sie wissen nicht wohin. Sie wissen nicht, wieviel Gas sie geben sollen. Wie man mit dem Getriebe umgeht. Wo die Scheibenwischer sind. Sie haben nicht mal einen Zündschlüssel.

Meine Partnerin kann mich lieben. Aber sie kann nicht für mich fühlen. Mein Therapeut kann mir Fragen stellen. Aber er kann mich nicht ändern. Mein Coach kann mich anspornen. Aber er kann nicht für mich leben.

Niemand wird kommen um mich zu retten.
Das ist keine Tragödie.
Das ist Freiheit.

Ich klettere nach vorne. Setze mich ans Steuer. Spüre das Lenkrad in meinen Händen. Starte den Motor.
Roadtrip. Nur ich mit mir. Wohin ist erstmal egal. Der Weg zeigt sich erst, wenn ich losfahre. Bewegung.

Was ich habe, ist eine Himmelsrichtung.
Da will ich hin.
Jetzt fahre ich los.

Was ich auf diesem Roadtrip erlebe, will ich festhalten. Am besten in einem kleinen Büchlein. Mal sehen – hab ich eines? Sonst besorg ich mir ein hübsches. Dieses Büchlein bekommt einen Namen.
Tagebuch der Enttäuschungen. Kurz: TDE.

Was? Warum Enttäuschungen? Ich will Abenteuer, Spaß, Freiheit. Wieso Enttäuschung?

Ich fahre los. Voller Energie. Erster Stopp: eine kleine Stadt, die ich schon immer sehen wollte. Gemütliche Gassen. Ein gutes Essen. Vielleicht eine neue Bekanntschaft. Ich komme an. Es nieselt. Die Gassen sind leer. Das Restaurant hat zu. Enttäuschung.

Und dann – vor Mitternacht – bin ich hundemüde. Dabei wollte ich die ganze Nacht durchfahren. Die Jungs im Film schaffen das doch auch. Enttäuschung.

Aber was genau hat mich enttäuscht? Nicht die Stadt. Nicht mein Körper. Mein Bild davon. Meine Erwartung. Ich habe mich getäuscht.

Genau in diesem Moment – in diesem Ärger – steckt alles, was ich über mich und die Welt zu wissen glaube. Meine Erwartungen. Meine wunden Punkte. Meine geheimen Wünsche. Und genau das schreibe ich jetzt in mein TDE.

Jede Enttäuschung ist ein Fenster. In mein Inneres.
Ich kann da jetzt direkt reinschauen.

In mir passiert etwas, wenn ich über meine Gefühle schreibe. Nicht irgendwas. Etwas Messbares.
Menschen, die regelmäßig über ihre Gefühle schreiben, haben ein stärkeres Immunsystem. Weniger Stresshormone im Blut. Besseren Schlaf. Mehr Klarheit. Mehr innere Ruhe.

Nicht weil Schreiben magisch ist. Sondern weil es das Gehirn verändert. Wenn ich ein Gefühl in Worte fasse – wenn ich schreibe „Ich war wütend“ oder „Ich hatte Angst“ – übernimmt der Teil hinter meiner Stirn das Steuer. Der Teil, der denkt und abwägt. Das Alarmsystem fährt runter. Der Sturm legt sich.

Einem Gefühl einen Namen geben heißt, ihm die Angst nehmen – aber seine Kraft bewahren. Das ist keine Poesie. Das ist Neurobiologie.

Solange eine Enttäuschung unausgesprochen in mir sitzt, beschäftigt sie mein Gehirn. Im Hintergrund. Permanent. Sie kostet Energie – auch wenn ich gerade an etwas ganz anderes denke.

Wenn ich sie aufschreibe, verliert sie ihre Macht. Nicht sofort. Aber sie beginnt sich aufzulösen. Was schwer und ungreifbar war, bekommt eine Form. Ich kann es anschauen. Einordnen. Loslassen.

Das ist keine Therapie. Das ist Hygiene.
So wie ich mir die Zähne putze – putze ich mir den Kopf.

Ich komme am Bahnhof an. Müde. Schwere Tasche. Langer Tag. Ich dachte, sie holt mich ab. Ich schaue mich um. Einmal. Zweimal. Niemand. Ich schreibe ihr. Keine Antwort. Ich warte. Fünf Minuten. Zehn.

Ich schleppe die Tasche zur Straßenbahn. Einsteigen. Stehen. Bei jeder Station werden es mehr Menschen.
In der Straßenbahn kocht es in mir hoch. Ich kenne diese Hitze. Heißer Kopf. Enger Brustkorb. Gedanken, die sich überschlagen. Sie denkt nicht an mich. Ich bin ihr egal. Sie liebt mich nicht wirklich.

Zu Hause der Streit. Kurz. Laut. Verletzend. „Du hast gewusst, wann ich ankomme.“ „Ich hatte einen wichtigen Anruf.“ „Du denkst nur an dich.“ „Hör auf, so zu übertreiben.“ Türe zu. Stille.

Später – als die Hitze raus ist – nehme ich mein TDE. Ich schreibe. Ich war so wütend. Ich fühlte mich klein. Unwichtig. Wie der einsamste Mensch der Welt. Herzrasen. Heißer Kopf. Dann feuchte Augen.

Ich schreibe weiter.
Was habe ich erwartet? Dass sie ohne Nachricht weiß, wann ich ankomme. Dass wahre Liebe bedeutet: Du liest meine Gedanken.

Und dann – ganz unten auf der Seite – schreibe ich den Satz, der mich trifft: Ich glaube, dass ich nicht wichtig genug bin, um abgeholt zu werden. Da ist es. Nicht die Partnerin. Nicht die Straßenbahn. Nicht der Streit.

Das ist mein Glaubenssatz. Uralt. Tief vergraben. ICH BIN NICHT WICHTIG! Und jetzt liegt er vor mir auf dem Papier.

Ich kann ihn anschauen. Zum ersten Mal wirklich anschauen. Und ich frage mich: Stimmt das? Bin ich wirklich nicht wichtig genug? Oder habe ich das nur so lange geglaubt, dass es sich wie Wahrheit anfühlt?

Das TDE zeigt mir nicht, wer schuld ist. Es zeigt mir, wer ich bin.
Und ich kann ihm anvertrauen, wer ich sein will.

Ich brauche keine feste Uhrzeit. Kein Ritual. Keine Kerze. Ich brauche nur einen Moment, in dem es ruhig wird. Abends, wenn die Kinder schlafen. In der Mittagspause. Im Zug auf dem Heimweg.

Ich nehme mein TDE. Ich denke an den Tag. Was hat mich aufgewühlt? Was hat mich gefreut? Was hat mich überrascht? Was hat mich geärgert? Ich greife den Moment, der noch in mir nachhallt. Und ich schreibe.

Nicht perfekt. Nicht vollständig. Nicht jeden Tag. Aber regelmäßig genug, dass ich wachsam bleibe. Dass ich nicht aufhöre zu suchen. Nach alten Mustern. Nach versteckten Erwartungen. Nach dem, was ich glaube, was richtig und falsch ist.

Das TDE ist mein treuester Reisebegleiter auf diesem Roadtrip.

Was mache ich genau damit? Was schreibe ich in mein TDE?

Meine Gefühle. Was spüre ich? Wut. Trauer. Scham. Erleichterung. Angst. Alles darf rein.
Meine Gedanken. Was geht mir durch den Kopf? Auch hässliche Gedanken.
Mein Körper. Wo spüre ich es? Brustkorb. Magen. Kehle. Hände.
Meine Reaktion. Wie habe ich in der Situation reagiert.
Alles, was in mir hochkommt. Ungefiltert. Unzensiert.

Mein Glaubenssatz. Was glaube ich offenbar über mich? Das sind die Überzeugungen, die ich so tief in mir trage, dass ich sie längst für Wahrheiten halte. Über mich. Über andere. Über die Welt.

Und ich überlege auch, was ich das nächste Mal anders machen will. Nicht wie der andere oder die Welt sich anders verhalten sollen. Nein, ich bin der Fahrer. Ich entscheide, wohin die Reise geht.

Wie das in der Praxis aussieht – das habe ich bereits erlebt. Im Zug. Mit der schweren Tasche. Und dem Streit, der eigentlich keiner war.

Vielleicht hätte ein einziger Satz den Streit verhindert. „Ich komme um 18:20 an – kannst du mich abholen?“ Und aus dem Zug noch: „Ich freu mich schon riesig, dich zu sehen.“

Sie muss gar nichts erraten. Wenn ich etwas will, kann ich danach fragen. Klingt simpel. Ist es auch. Und es verändert alles. Natürlich wäre es schön, wenn alle meine Wünsche erraten würden. Vergiss es. Das wird nie passieren. Und sie lieben mich trotzdem.

Ich höre auf zu warten. Ich frage. Ich kümmere mich um mich selbst. Das bedeutet nicht, dass ich alles schlucke. Werde ich schlecht behandelt, setze ich Grenzen. Klar. Ohne Entschuldigung.

Und wenn Grenzen dauerhaft ignoriert werden – darf ich auch gehen. Nicht jede Verbindung ist es wert, aufrechterhalten zu werden. Ich entscheide das. Ich. Niemand sonst.

Freiheit ist der Wille, mir selbst gegenüber verantwortlich zu sein. Ich kümmere mich um meinen Kram. Ich höre auf zu schimpfen. Ich höre auf zu warten. Ich fange an zu fragen. Ich fange an, meine Fenster aufzumachen und reinzuschauen.

„Viele Menschen sind zu faul um sich zu bewegen – darum zeigen sie mit dem Finger auf andere.“

Ich nehme jetzt mein Büchlein. Denke an den heutigen Tag. An einen Moment, der nachhallt. Was ist passiert? Wie ist es mir in dem Moment gegangen? Wie hat es sich angefühlt? Wie habe ich reagiert? Wer möchte ich das nächste Mal in dieser Geschichte sein? Mehr braucht es nicht.

Im nächsten Schritt lerne ich auf mich zu hören. Bei mir zu bleiben. Wie ich mit Grenzen umgehe. Wie ein „Nein“ Verbindung schafft.