02 Mein Licht – Spot 3

Erwartungen: Ich bin genug!

Ich habe gelernt, meine Scham zu erkennen. Ich kann mich zeigen, Stück für Stück. Das ist viel.

Aber ich lebe nicht auf einer einsamen Insel. Um mich herum läuft Tag und Nacht eine Maschine, die mir zuflüstert: Du bist nicht genug. Du hast nicht genug. Schau, wie toll die anderen sind.

Und je nachdem, wie fest mein Boden ist, halte ich dem stand – oder ich falle. Wie funktioniert dieser Mechanismus?

Abends auf der Couch. Eine Serie läuft. Schöne Menschen, schlagfertig, gut angezogen. Jedes Problem in 45 Minuten gelöst. Am Ende fallen sich alle in die Arme.

Nebenbei das Handy. Ich scrolle. Der Urlaub vom Kollegen, das neue Haus, das Sixpack, die glückliche Familie beim Sonntagsbrunch. Alle lachen. Allen geht’s gut.

Und ich? Sitze hier in der Jogginghose. Spülmaschine voll, Rücken im Eimer, Konto knapp. Morgen wieder dasselbe.

Irgendwas zieht sich in mir zusammen. Ein leiser, fieser Gedanke: Alle haben es drauf. Nur ich nicht. Alle leben das richtige Leben. Nur ich nicht. Aber halt. Was vergleiche ich hier eigentlich?

Ich sehe ihr Außen. Den einen Moment, den sie ausgewählt haben. Das beste Foto von dreihundert. Das Sixpack im richtigen Licht. Den Urlaub – nicht den Streit am Flughafen davor.

Und das halte ich gegen mein Innen. Gegen meine Müdigkeit, meine Sorgen, meinen ganz normalen grauen Dienstag. Mein Hinter-den-Kulissen gegen ihre Hochglanz-Show.

Dieses Spiel kann ich nicht gewinnen. Es ist gezinkt. Niemand postet volle Wäschekörbe, die Zweifel, die schlaflose Nacht mit dem Kopf voller Sorgen.

Ich vergleiche mich mit einer Fassade. Und fühle mich schlecht, weil mein echtes Leben nicht aussieht wie ihre Werbung. Und dieses Gefühl hört nicht beim Handy auf. Es zieht sich durch meinen ganzen Tag.

Ich wache auf und denke schon: zu wenig geschlafen, zu viel zu tun. Ich falle abends ins Bett und denke: zu wenig geschafft. Nicht aufgeräumt, nicht angerufen, keinen Sport gemacht, mein Herzensding wieder verschoben.

Egal, was ich tue – es ist nie genug. Ich bin nie genug. Sogar früher war angeblich besser. Da war alles einfacher, schöner, echter. Sagt eine Stimme, die nie zufrieden ist.

Das ist die Tretmühle. Ich laufe und laufe und komme nie an. Weil das Ziel immer ein Stück weiter weg gerückt wird.

Und jeder Werbespot, jede Schlagzeile, jedes perfekte Bild flüstert dasselbe: Dir fehlt was. Kauf das, sei so, mach mehr. Dann bist du endlich genug. Ich werde nie genug sein. So ist das Spiel gebaut.

Auf diese Wunde – ich bin nicht genug – reagiere ich auf eine von zwei Arten. Die erste: Ich ziehe mich zurück. Mache mich klein, sage nichts, zeige nichts. Bloß nicht auffallen, bloß nicht noch mehr Angriffsfläche bieten. Ich verschwinde.

Die zweite: Ich drehe auf. Poste mein bestes Foto, fahre den dicken Wagen, gebe an, was ich kann und wen ich kenne. Schau her, mir geht’s super, mir fehlt nichts.

Sieht aus wie das Gegenteil. Ist dieselbe Wunde. Der eine versteckt sein „nicht genug“. Der andere überstrahlt es.

Und jetzt der Trick, den ich nie durchschaut habe: Die Hochglanz-Bilder, die mich so klein machen – viele davon sind selbst nur Panzer. Auch der mit dem Sixpack flüstert sich vielleicht abends zu: nicht genug.

Ich vergleiche mich mit den Masken anderer. Und merke nicht, dass darunter dieselbe Scham, dieselbe Unsicherheit sitzt wie bei mir.

Wie komme ich da raus? Mein erster Reflex: mehr. Mehr leisten, mehr besitzen, mehr zeigen. Dann bin ich endlich genug. Aber das ist die Falle. Das Gegenteil von Mangel ist nicht Überfluss.

Ich kann anhäufen, so viel ich will – meine Leere kann ich damit nicht füllen. Wer das zweite Haus hat, will das dritte. Es ist nie genug. Es gibt immer einen, der mehr hat. Aus dem Mangel kaufe ich mich nicht frei. Ich denke mich frei.

Es gibt nur einen Ausweg. Ein einziges Wort. Genug. Ich habe genug. Ich tue genug. Ich bin genug.

Das heißt nicht, dass ich mich gehen lasse und nach nichts mehr strebe. Im Gegenteil. Ich arbeite weiter, und ich will Dinge richtig gut machen. Aber aus einem anderen Grund.

Strebe ich nach dem perfekten Foto, dem Beitrag mit den meisten Likes? Oder strebe ich nach Exzellenz, weil ich für die Sache brenne?

Das eine schielt nach dem Applaus. Das andere mache ich für mich. Weil ich davon überzeugt bin. Aus vollem Herzen. Konkret helfen mir drei Dinge.

Erstens: Ich höre auf, mein Innen mit dem Außen der anderen zu vergleichen. Wenn der Stich kommt, halte ich kurz inne und frage: Sehe ich gerade ein echtes Leben – oder eine Hochglanz-Show? Fast immer ist es die Show.

Zweitens: Ich drehe den Mangel um. Jeden Abend nehme ich mein TDE und schreibe drei Dinge auf, die heute genug waren. Ein gutes Gespräch. Ein Lachen mit meinem Sohn. Ein Essen, das satt gemacht hat.

Anfangs fühlt sich das komisch an. Aber langsam lernt mein Blick, das Volle zu sehen statt das Fehlende. Was ich suche, das finde ich. Suche ich Mangel, finde ich Mangel. Suche ich Genug, finde ich Genug.

Drittens: Ich drehe den Hahn zu. Die Maschine läuft nur, wenn ich sie laufen lasse. Ich muss nicht jeden Abend durch fremde Leben scrollen. Wie ich mit Medien umgehe, ohne dass sie mich auffressen – darum geht es in Kapitel 01 „Mein Weg – Schritt 5″ ausführlich.

Und über allem steht eine neue Frage. Nicht mehr: Was erwarten die anderen von mir? Sondern: Was will eigentlich ich? Bis jetzt dachte ich immer, als Mann geht es nur darum: Sei stark. Gib dir keine Blöße. Dominiere. Gewinne.

Aber das stimmt nicht. Genau das trennt mich von allen. Hinter dem Panzer kommt keiner an mich ran.

In Wahrheit lautet die Botschaft umgekehrt. Zeig dich. Deine Stärken. Deine Schwächen. Das, was du draufhast. Erst wenn die anderen mich wirklich sehen, können sie mich einschätzen. Und mich mitspielen lassen.

Und langsam dreht sich mein Bild davon, wer eigentlich erfolgreich ist. Nicht der mit dem glattesten Profil. Sondern der, der sich traut, echt zu sein. Mit Ecken, mit Kanten, mit Wäschekörben. Der angreifbar ist und in der Arena steht.

Das sind die wirklich Erfolgreichen. Nicht perfekt. Sondern menschlich. Genau das hat mich die ganze Zeit klein gehalten: die Angst, nicht so gut zu sein wie die anderen. Das ist meine Handbremse. Angezogen komme ich nicht vom Fleck.

Also löse ich sie. Ich vergleiche mich nicht mehr mit der Werbung der anderen. Ich messe mich an dem, was mir wichtig ist. Ich lege das Handy weg. Schalte den Fernseher aus.

Im Nebenzimmer höre ich meinen Sohn lachen. Kein Hochglanz. Echt. Mein Leben. Genau hier. Ich gehe zu ihm und lache mit. Und es ist genug. Ich bin genug.


Seit Wochen sitze ich abends im Keller. Gitarre. Ich schreibe ein Lied. Akkord für Akkord, Zeile für Zeile. Niemand weiß davon. Heute ist es fertig. Heute spiele ich es zum ersten Mal jemandem vor. Einem Freund.

Mein Herz klopft. Mein Finger zittert über der Saite. Denn das ist nicht nur ein Lied. Das bin ich. Ich fange an zu spielen. Und lege etwas in seine Hände. Nicht die Gitarre. Mich.

Das Lied ist aus. Stille. Und in dieser Stille warte ich auf sein Urteil wie auf ein Gerichtsurteil. Sagt er gut, bin ich gut. Sagt er schlecht, bin ich schlecht. Ich hab ihm gerade den Richterhammer in die Hand gedrückt.

Blöd. Denn wenn es ihm nicht gefällt, habe ich nur zwei lausige Optionen. Ich bin am Boden zerstört und rühre die Gitarre nie wieder an. Oder ich mach mein Werk selbst klein: war ja nur nebenbei hingerotzt.

Es gibt eine dritte. Seine Kritik trifft das Lied. Nicht mich. Vielleicht hat er sogar recht – dann mach ich’s beim nächsten Mal besser. Oder ich spiel’s noch jemandem vor. War ja erst eine Meinung. Das Lied ist heute. Ich bin mehr als heute.

Ich nehme den Hammer wieder an mich. Über mich urteile letztendlich nur ich. Beim Schaffen und Kritisieren ist eines enorm wichtig. Das Timing.

Frisch fertig bin ich im Rausch. Ein Geniestreich. Jede Kritik trifft jetzt wie ein Messer. Also warte ich. Ein paar Tage. Der Rausch verfliegt. Ich seh klarer. Finde schon selbst Verbesserungspotential. Jetzt kann ich aus konstruktiver Kritik lernen.

Umgekehrt genauso. Zeigt mir wer was, spür ich, wo er steht. Glüht er noch? Dann schluck ich meine kluge Kritik. Und freu mich mit. Kritik hat Zeit. Erst die Frage: Willst du sie überhaupt hören?

Bei Kindern gilt diese Regel übrigens nicht.

Ein Kind wartet nicht. Es rennt her. Bild in der Hand. Augen voll Stolz. Genau wie ich damals. Sag ich jetzt „wieso ist deine Sonne lila?“, zerbricht was. Leise. Also halt ich die Klappe. Und freu mich. „Wow. Das hast du gemacht?“

Die Sonne darf lila sein.

Am Wochenende baue ich ein Regal zusammen. „Das schaff ich locker allein.“ Das Regal wackelt. Die Anleitung? Längst weggeschmissen. Schräubchen liegen rum, ich weiß nicht mehr wohin damit. Frag ich jemanden? Niemals. Ich bin doch keine Pfeife.

Drei Stunden später steht ein windschiefes Etwas. Fünf Minuten Hilfe hätten gereicht. Um Hilfe bitten? Fühlt sich an wie Aufgeben. Wie Schwäche. Als Mann sowieso. Ein echter Kerl macht das allein.

Genau das hält mich klein. Und einsam. Dabei läuft es genau andersrum. Die, die ich bewundere, fragen am meisten. „Weiß ich nicht. Zeigst du’s mir?“

Der beste Verkäufer, den ich kenne, sagt ruhig: „Gute Frage. Da schau ich nach.“ Und macht mehr Abschlüsse als alle Besserwisser zusammen. Keiner kauft von Klugscheißern. Wir kaufen von Menschen.

Wer fragt, zeigt sich. Und genau das verbindet.

Eine Schicht tiefer wird’s unbequem. Wenn ich Hilfe nur mit Bauchweh annehme, dann gebe ich auch nicht von Herzen und ohne Hintergedanken. Ich lade jemanden ein – und führ heimlich Buch. „Hat sich nicht mal bedankt. Den lad ich nicht nochmal ein.“

Das ist kein Geben. Das ist ein Handel.

Also lass ich beides los. Ich frag, wenn ich nicht weiterweiß. Ich nehm an, ohne rot zu werden. Ich geb, ohne eine Rechnung aufzumachen. Und genau da fangen die Leute an, mich zu mögen.