02 Mein Licht – Spot 2

Die Angst, sich zu blamieren: Ich bin nicht mein Fehler

Ich sitze im Auto. Vor meiner eigenen Haustür. Der Motor ist aus. Heute haben sie es mir gesagt: Sie brauchen mich nicht mehr. Nach zwölf Jahren. Ein Karton mit meinen Sachen liegt auf dem Rücksitz.

Drinnen brennt Licht. Meine Frau kocht, mein Sohn macht Hausaufgaben. Sie wissen es noch nicht. Und ich kann nicht rein. Ich sitze einfach da und starre auf die Haustür.

Wie soll ich das sagen? Wie schaue ich ihr in die Augen? Mein Kopf wird heiß, etwas zieht sich in meiner Brust zusammen.

Ich kann meine Familie nicht mehr ernähren. Was bin ich für ein Mann.

Was da in mir hochsteigt, hat einen Namen. Scham. Und Scham ist hinterhältig. Sie sagt nicht: Du hast deinen Job verloren. Sie sagt: Du bist ein Versager. Nicht die Tat. Nicht die Lage. Ich. Ganz und gar.

Der Kopf glüht, der Magen ist ein Stein. Ich will verschwinden, mich auflösen, einfach weg sein. Bloß von keinem gesehen werden.

Und im Kopf läuft die Schleife. Du taugst nichts. Du hast es nie draufgehabt. Schau dich an. Wieder und wieder.

Warum trifft mich das so tief? Es ist doch nur ein Job. Weil mein Kopf keinen Unterschied macht zwischen heute und damals. Für meinen Kleinen ist das hier kein verlorener Job. Es ist Lebensgefahr.

Als Kind war ich auf meine Familie angewiesen. Dazugehören hieß überleben. Wer ausgestoßen wurde, war verloren. Diese Angst sitzt seit zehntausend Jahren in uns.

Und genau die schlägt jetzt Alarm. Mein Nervensystem schaltet in den Überlebensmodus. Gleich stoßen sie dich aus. Gleich bist du allein. Es schreit, als ginge es ums nackte Leben.

Darum ist Scham kein leiser Zweifel. Sie ist Panik. Aber da ist ein Unterschied, den mir nie jemand gezeigt hat. Der zwischen Scham und Schuld. Scham sagt: Ich bin schlecht. Schuld sagt: Das habe ich schlecht gemacht.

Klingt nach einer Kleinigkeit. Ist aber alles. Schuld zeigt auf eine Tat – und eine Tat kann ich ändern, wiedergutmachen, beim nächsten Mal anders machen. Scham zeigt auf mich. Und vor mir selbst kann ich nicht weglaufen.

Schuld bringt mich in Bewegung. Scham legt mich lahm.

Also übersetze ich. Sobald ich „Ich bin“ denke, mache ich ein „Ich habe“ daraus. Ich bin kein Versager – ich habe meinen Job verloren. Das ist keine Wortklauberei. Das ist ein ganz anderer Ort.

Denn „Ich bin ein Versager“ ist ein Urteil über mein ganzes Leben. „Ich habe den Job verloren“ ist nur ein Zustand. Und einen Zustand kann ich anpacken.

Und dieser harte Satz – stimmt der überhaupt? Oder ist es nur ein alter Satz, den ich vor langer Zeit zu glauben beschlossen habe? Eine alte Entscheidung, kein Urteil von oben. Und was ich einmal entschieden habe, kann ich neu entscheiden.

Mein Kopf hat jahrelang nur Beweise gesammelt, dass ich ein Versager bin. Jetzt sammle ich die Gegenbeweise. Also nehme ich mein TDE. Links schreibe ich mein Urteil: Ich bin ein Versager. Rechts daneben die Gegenbeweise.

Die Krise vor drei Jahren. Alle verlieren den Kopf. Ich halte die Abteilung zusammen. Mein Sohn zum ersten Mal auf seinem Fahrrad. Ein Nachmittag, dann hat er den Dreh raus. Ich daneben, außer Atem, stolz. Mein Vater hat nie mit mir geübt.

Vor zwölf Jahren schon mal vor dem Nichts. Wieder hochgearbeitet. Schritt für Schritt. Meine Frau hält seit 15 Jahren zu mir. Gemeinsam schaffen wir das.

Das soll ein Versager sein? Die Beweise waren immer da. Ich wollte sie nur nicht sehen. Je länger die rechte Spalte wird, desto leiser wird der Satz links. Bis er sich auflöst.

Aber das Stärkste kommt erst. Denn Scham lebt vom Verstecken. Im Dunkeln wird sie groß. Sag ich sie laut, wird sie klein. Also steige ich aus dem Auto. Ich gehe rein. Mein Herz hämmert, als ginge ich in den Kampf.

Meine Frau schaut auf. „Was ist los?“ Und ich sage es. Stockend, mit brüchiger Stimme: „Ich hab meinen Job verloren. Heute.“

Da ist er, der Moment, vor dem ich solche Angst hatte. Gleich sieht sie, dass ich versagt habe. Gleich wendet sie sich ab.

Sie wendet sich nicht ab. Sie fragt. Was ist passiert? Warum du? Wie geht’s jetzt weiter? Ihre Stirn ist in Sorgenfalten, sie rechnet im Kopf, ich höre die Anspannung in ihrer Stimme.

Aber sie bleibt. Wir reden lange. Irgendwann sagt sie: „Das kriegen wir hin. Haben wir immer.“ Dafür liebe ich sie. Das ist echte Partnerschaft. Dafür gebe ich alles – und finde einen besseren Job.

Kein Zauberspruch löst die Sorge. Das Geld ist trotzdem knapp. Aber ich bin nicht mehr allein damit. Und die Scham, die mich im Auto nicht atmen ließ, ist kleiner geworden. Einfach weil ich sie ausgesprochen habe.

Etwas fällt mir auf. Meine Frau hat das Wort kein einziges Mal benutzt. Versager. Sie hat es nicht mal gedacht. Nur ich sage es. Wieder und wieder. Mit keinem rede ich so hart wie mit mir selbst.

Einem Freund, der heute seinen Job verliert, würde ich nie sagen: Du Versager. Ich würde sagen: Das ist bitter, du fängst dich wieder, ich bin da.

Warum gönne ich mir nicht, was ich jedem anderen gebe? Ab heute rede ich mit mir, wie sie mit mir redet. Wie mit einem, den man liebt.

Es kommt darauf an, wie fest der Boden unter mir ist. Mein Selbstwert. Ist er fest, prallt die Scham ab. Ist er dünn, bricht sie durch.

Mein Boden war früh dünn. Als Kind hörte ich: Du bist nicht gut genug. So nicht. Streng dich an. Mein Wert war nie einfach da. Ich musste ihn mir verdienen.

Also verdiente ich ihn. Mit guten Noten, mit Leistung, mit Job, Gehalt, Titel. Ich stand auf dem, was ich leiste. Auf dem, was die anderen sehen.

Aber das ist kein fester Boden. Das ist eine dünne Decke über einem Loch. Zieht mir einer den Job weg, falle ich ins Bodenlose. Baue ich meinen Selbstwert auf Leistung, stürze ich bei jeder Niederlage.

Dabei verdient man Wert gar nicht. Ein neugeborenes Kind hat nichts geleistet – und ist unendlich wertvoll. Wert ist keine Belohnung. Er ist einfach da. Ich bin wertvoll. Nicht für etwas. Einfach so. Auch heute. Auch ohne Job.

Die Scham wird wiederkommen. Beim nächsten Fehler, der nächsten Niederlage, dem nächsten schiefen Blick. Sie gehört zum Leben.

Aber sie wirft mich nicht mehr um. Ich weiß jetzt, was sie ist. Kein Urteil über mich – nur ein alter Alarm, der schrillt.

Und ich weiß, was hilft. Ich mache aus „Ich bin“ ein „Ich habe“. Ich sammle die Gegenbeweise im TDE. Ich spreche es aus. Ich bin gut zu mir.

Solange ich Angst hatte, mich zu blamieren, konnte ich mich nie zeigen. Ich blieb hinter dem Panzer. Wer Angst vor dem Urteil der anderen hat, bleibt unsichtbar.

Diese Angst wird kleiner. Und mit ihr fällt der Panzer. Zum ersten Mal kann ich mich zeigen. Mit Fehlern. Mit Niederlagen. Mit allem.

Lange habe ich für den Applaus gelebt. Für das Nicken der anderen. Dafür, gut dazustehen. Genau das hat mich klein gehalten.

Ich steige trotzdem in die Arena. Nicht für den Applaus. Sondern weil es meins ist. Weil ich es will. Weil ich den Mut dazu habe. Vor ein paar Stunden saß ich noch im Auto. Erstarrt. Unfähig, durch meine eigene Tür zu gehen.

Jetzt bin ich drin. Bei meiner Familie. Der Job ist weg, die Sorge ist da. Aber die Scham hat mich nicht mehr. Ich bin gut genug. Nicht weil es mir einer bestätigt. Sondern weil ich es bin.